Tagebuch: Renate allein am Strand – Tunesien III

27 02 2011

Sonntag, 27. Februar 2011

Heute ist im „Tagesspiegel“ ein Bericht über Tunesien erschienen, dennn ich aus aktuellem Anlass geschrieben hatte – eben nach der Reise letzte Woche. Die Überschrift: „Renate allein am Strand“ – naja.

Im Mittelpunkt steht eine 83-jährige Hannoveranererin, die ich auf Djerba am Strand getroffen habe. Was für eine Lebenslust, was für ein Charme! Hier der Text des Tagesspiegel-Berichts:

Drei Kamele warten mit ihrem Treiber am Strand auf Touristen. Doch die sind rar in den Wochen nach der Revolution. Der Strand des Hotels Radisson auf Djerba ist menschenleer. Nur Renate Pepr und ihre Freundin liegen in der Sonne, die schon kräftig ist. Die 83-jährige ist seit November auf der Insel, wie schon in den letzten 30 Jahren. „Nur dieses Jahr ist es anders als sonst“, sagt sie. Damit meint sie beileibe nicht die Revolution, sondern die traurige Tatsache, dass diesmal ihr Mann beim Überwintern nicht dabei ist. Er ist vergangenes Jahr gestorben.

Von den unruhigen Tagen im Januar, in denen das Land die 23-jährige Diktatur abschüttelte, hat Renate Pepr nichts mitbekommen. Während in einigen Ferienorten auf dem Festland Schüsse zu hören waren und sich die Einheimischen zu knüppelbewaffneten Bürgerwehren zusammenschlossen, um Hab und Gut und auch Hotels vor marodisierenden Banden zu schützen, blieb es auf Djerba ruhig. Als ihr Reiseveranstalter den Reisevertrag kündigte, schimpfte die temperamentvolle Hannoveranerin wie ein Rohrspatz, weigerte sich, an der hektischen Evakuierungsaktion teilzunehmen („Die Leute hatten kaum Zeit zu packen!“) – und setzte ihr „Überwintern“ seelenruhig fort.

Von nun an musste sie Hotel und Verpflegung  noch einmal bezahlen. „Aber ich bekomme ja einen Batzen vom Veranstalter zurück“, hofft sie. Immerhin hat der Hotelier ihr die Treue gedankt, indem er ihr eine Verlängerungswoche schenkte. „Zuhause muss ich Tabletten nehmen, hier geht es mir gut“, sagt die Sonnenanbeterin, „und hier sind die Menschen so freundlich, wie man es von Zuhause gar nicht kennt.“

Gerade haben wieder alle Hotels auf der Insel aufgemacht. Nur 29 der 159 Häuser der Region Djerba-Zarzis ließen den Betrieb trotz der Revolution weiterlaufen, nur spärlich gefüllt von 1.600 Gästen. Die meisten von ihnen waren Franzosen. Kaum ein deutscher Gast wiedersetze sich wie Renate Pepr dem „Evakuierungsbefehl“ seines Veranstalters.

Der neu ernannte Tourismusminister des Landes, Mehdi Houas, will die Zahl der deutschen Urlauber in den nächsten drei Jahren verdoppeln und damit wieder auf das Niveau von 2001 bringen: Vor dem Attentat auf die traditionsreiche Ghriba-Synagoge auf Djerba im Frühjahr 2002, bei dem 21 Touristen starben, machten rund eine Million Deutsche in Tunesien Urlaub, davon 40 Prozent auf Djerba. Houas führt den dramatischen Einbruch der Gästezahlen auf die schlechte Kommunikation der alten Regierung nach dem Anschlag zurück.

Während vor seinem Amtssitz 350 Hotelbedienstete lauthals gegen den Besitzer eines Luxushotels demonstrieren, der angeblich ihr Angebot auf unbezahlten Urlaub abgewiesen und sie kurzerhand vor die Tür gesetzt hat, verbreitet der 51-jährige Minister in seinen Amtsräumen ungebremsten Optimismus. „Tunesien ist stolz, sich in die Reihe freier Länder einzureihen“, versicherte er, „die Deutschen werden das honorieren.“ Mit anderen Worten: Wie zahlreiche Hotelmanager im Land rechnet auch er mit einem Ansturm deutscher Urlauber, die in Erinnerung an die Wiedervereinigung ins Lande kommen, um „zu sehen, wie es im freien Tunesien aussieht“.

In der Tat ist es faszinierend, die Begeisterung der Tunesier mitzuerleben, die stolz auf ihre Revolution sind. Zwar wimmelt es in Tunis vor Schützenpanzern und martialisch bewaffneten Soldaten, aber die Stimmung bleibt friedlich, obwohl die Menschenmengen, die Tag für Tag die Innenstadt füllen, kaum noch zu überblicken sind. Da wird der Platz vor dem Theater an der Hauptstaße der Stadt, der Av. du Bourguiba, zu einer Art Hydepark umfunktioniert, wo jedermann lautstark seine Meinung sagen darf. Da präsentieren Tunesier jedem Fremden, der eine Kamera trägt, ihre Folterwunden. Da werden Plakate hochgehalten, auf denen der neue französische Botschafter schon am zweiten Tag seiner Mission wieder zum Verlassen des Landes aufgefordert wird, weil er angeblich die Tunesier beleidigt hat. Die Bewohner der großen Städte protestierten derzeit gegen jede Ungerechtigkeit. „Aber wir bleiben friedlich“, lächelt ein arbeitsloser Tunesier in die Kamera. Touristen sind derzeit in Tunesien sicher wie in Abrahams Schoß, auf Djerba sowieso.

Keiner der 20.000 Hotelbediensteten auf der Insel hat im Zuge der Revolution seinen Job verloren. Darauf ist Jalel Bouricha, Präsident der Hotelvereinigung von Djerba und Zarzis und Besitzer von acht Hotels, sehr stolz. Auch er ist überzeugt davon, das seine Insel in dieser Saison wieder durchstartet und spätestens 2012 die Besucherzahlen der Jahre vor der Revolution erreicht. Auf die Frage, was er und seine Kollegen machen werden, wenn der erhoffte Aufschwung nicht kommt, bleibt er die Antwort schuldig. Stattdessen entringt sich ein tiefer Seufzer seiner Brust. Von den Stammgästen wie Renate Pepr allein kann die Insel nicht leben. Aber die alte, so jung gebliebene Dame wird der Insel die Treue halten. Sie weiß schon jetzt, dass sie im kommenden November wieder die Koffer packt, um wie ein Zugvogel nach Djerba zu fliegen.


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