Tagebuch: 4,61 sek pro Lebensjahr

2 04 2011

Samstag, 2. April 2011

So, nun ist er im Ruhestand, mein geliebter Professor Ivic. Am Freitagnachmittag fand an der Berufsakademie Breitenbrunn ihm zu Ehren eine durchaus bewegende Abschiedsfeier statt. Eine Rede, eine Laudatio, acht Grußworte und die Rede von Peter Ivic selbst – es gab kaum einen Winkel im Leben dieses Mannes, der nicht durchleuchtet worden wäre. Hier der Text meines Grußwortes – so in etwa. Denn ich hatte mir nur Stichworte notiert und die kleine Rede sozusagen frei gehalten. Wegen all der Zahlen und Namen brauchte ich meine Notizen. Also:

Lieber Peter, meine Damen und Herren, gestatten Sie, dass ich mich vorstelle: Ich heiße Horst Schwartz und bin Journalist seit 44 Jahren. Seit 39 Jahren bin ich Reisejournalist. Sie merken, ich komme Ihnen mit Zahlen – sonst gar nicht meine Art.

Man hat mir gesagt, ich dürfe fünf Minuten reden. Das sind 300 Sekunden. Bei 65 Jahren macht das 4,61 Sekunden pro Lebensjahr. Ich sollte ja nur über die Jahre vor der Professur reden – also minus 14. Das sind dann immerhin 5,88 Sekunden. Ziehen wir Kindheits-, Schul- und Studienjahre ab, bleiben noch 19 Sekunden pro Lebensjahr, immerhin.

Aber das geht auch nicht. Was macht ein Journalist, wenn er einen Recherchenstoff nicht unterbringt? Er fasst zusammen, er wählt aus – oft zum Leidwesen der Interviewten. Also wähle ich jetzt auch aus. Ausbildung: Seine Note 1 an der ökonomischen Fakultät der Universität Belgrad erhielt Peter Ivic 1973 für seine Diplomarbeit mit dem Titel: „Hauptmerkmale der österreichischen Außenhandelspolitik bei Berücksichtigung der Wirtschaftsbeziehungen zu Jugoslawien.

Da klingt etwas an: Österreich – Jugoslawien. Ich fasse wieder zusammen: Peter Ivic und seine Staatsbürgerschaften. Von 1946 bis 53 war Peter Ivic staatenlos; ich weiß gar nicht, wie so etwas geht. Von 1953 bis 46 war er Österreicher, übrigens geboren in Österreich, in Saalfelden. Von 1956 bis 1994 war Peter Ivic Jugoslawe, seit 1994 ist er Deutscher. O-Ton Peter Ivic: Wer mehr als eine Heimat hat, hat keine wirklich. Und er fügte hinzu: Meine Heimat ist meine Familie – Frau Doris und Sohn Philipp. Aus eigener Erfahrung, ich habe diese Familie oft genießen dürfen, kann ich das nur bestätigen.

 

So vielfältig wie seine Staatsbürgerschaften ist auch Peter Ivics Berufsleben. So war er beispielsweise von 1969 bis 1973 die deutsche Stimme von Radio Belgrad. In seiner nebenberuflichen Tätigkeit als Silmutandolmetscher für Serbokroatisch-Deutsch und umgekehrt gibt es einen absoluten Höhepunkt: 1971 war Peter Ivic offizieller Dolmetscher des Gesprächs zwischen Bundeskanzler Willy Brandt und dem Präsidenten des Jugoslawischen Gewerkschaftsbundes.

Die Liste der Fortbildungen umfasst zwölf Punkte. Punkt 1 – da haben wir uns kennen gelernt. Im Februar 1989 nahm Peter Ivic als Deutschland-Pressesprecher von Yugotours – auch diese Funktion hatte er noch – an einem Seminar zum Thema „Pressearbeit im Tourismus“ beim Deutschen Seminar für Tourismus in Berlin teil. Das hatte einen guten Dozenten, er hieß Horst Schwartz. Peter Ivic ließ sich von ihm nicht einschüchtern, auch nicht, als er mit dem Mikrofon auf ihn zukam. Drei Dinge fielen mir dabei auf: Peter Ivics pfiffige Antworten, seine absolute Teamfähigkeit – und seine fast ‚altertümliche‘ Höflichkeit.

Nach dem Ende seiner Zeit bei Yugotours, darüber haben wir heute schon viel gehört, arbeitete Peter Ivic u.a. bei Optima Tours. Und zwar als „Leiter der Bahnhöfe Österreich“. Das muss man sich einmal auf der Zunge zergehen lassen.

Der Kontakt zwischen uns ist nie abgerissen. Wir trafen uns ab und zu auf den Tagungen des Deutschen Reiseverbandes. Und jedes Jahr auf der ITB ging einmal das Licht an: Wenn Peter Ivic mein ITB-Büro – ich habe auf der Messe immer ein Büro – betrat und mir mit viel Charme eine Pressemeldung zur Berufsakademie Breitenbrunn aufschwatzte. Irgendwann 2004 oder 2005 stellte er mir die Frage, ob ich nicht für ihn als Lehrbeauftragter für Pressearbeit tätig sein wolle. So etwas mache ich auch für die Berufsakademie Berlin und die Fachhochschule Eberswalde, übrigens die einzige Fachhochschule in Deutschland, die sich dem nachhaltigen Tourismus verschrieben hat.

Zu den Lehrveranstaltungen nach Breitenbrunn bin ich immer mit der Bahn angereist. Bei der Pünktlichkeit der Bahn und ihrer Informationsbereitschaft war das immer eine Abenteuerreise. Gestern bin ich nun mit dem Auto angereist – und habe prompt den Weg nicht gefunden. 140 Kilometer bin ich zu viel gefahren, weil ich eine Abzweigung übersehen hatte…

Mir hat die Tätigkeit hier in Eberswalde immer viel Spaß und Freue bereitet. Zumal sich das Ehepaar Ivic sehr um das Wohl der Dozenten kümmerte. Die Abende mit philosophischen Gesprächen – und vor allem mit Deinen wunderbaren Kochkünsten, liebe Doris! – gehören zu den schönsten Erinnerungen der letzten Jahre. Das ist nicht übertrieben.

Eine Bitte habe ich an Doris und Philipp: Papa ist ante Portas. Behandelt ihn pfleglich! Das hat Peter Ivic immer zu seinen Studenten gesagt, wenn ich anreiste: Behandelt ihn pfleglich, der kommt extra von weit her… Peter, ich wünsche Dir alles, alles Gute. Und mir wünsche ich, egoistisch wie Journalisten sind, dass unsere Freundschaft noch lange anhält.

 

 

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