Tagebuch: Defizite am Schwarzen Meer [I]

20 05 2011

Samstag, 21. Mai 2011

Ganze zwölf Stunden war ich gestern unterwegs – und dann erst war ich zurück aus Bulgarien. Da es keinen Direktflug gab, führte die Rückreise von Vargas am Schwarzen Meer über Wien [mit drei Stunden Aufenthalt]. Schon allein die Anreise von Nessebar zum Flughafen Vargas dauerte zweieinhalb Stunden…

Ohne Zweifel: Das war ein Nachteil der Pressereise, aber es gibt derzeit noch keine Direktflüge nach Varna. Gut fand ich aber, dass jede[r] Teilnehmer[in] der Reise – 20 Journalistinnen und Journalisten – ein Namensschildchen am Band erhielten. Das konnten wir gut gebrauchen, denn es gab keine Vorstellungsrunde. Auch als eine Journalistin aus privaten Gründen erst einen Tag später zu uns stieß, wurde dies mit keiner Silbe erwähnt, und der mittlerweile schon etwas ‚zusammengewachsenen‘ Gruppe wurde die Kollegin auch nicht vorgestellt.

Unsere Begleitung dagegen präsentierte sich ausführlich: ein Fahrer, klar, ein Fremdenführer [auf ihn komme ich noch einmal zurück], eine Vertreterin der deutschen PR-Agentur für Bulgarien, zwei Vertreter der bulgarischen PR-Agentur und ein Vertreter des Ministeriums für alles Mögliche und Tourismus. Mitgezählt? Das waren sechs Personen.

Hören Sie hier einen leicht kritischen Unterton heraus? Bravo! Diese Reise war weder besonders gut vorbereitet noch besonders gut betreut – mit Ausnahme des Fremdenführers oder Reiseleiters Stojan Bogdanov. Dieser Mann ist Schatz. Mit welchem Wissen und Humor er uns sein Land erklärte! Und mit welcher Ironie! Das war ein Genuss. Stojan spricht perfekt Deutsch, er hat 20 Jahre in der Schweiz gelebt. Der gute Mann sparte auch nicht an Kritik – an den Missständen in den Hotelrezeptionen, an den örtlichen Fremdenführern [„Das ist das Problem mit den Lokalmathadoren…“], an der großen Schar unserer offiziellen Reisebegleiter. Für Journalisten sind solche Gesprächspartner ein Göttergeschenk. Wir suchen nicht immer das Negative, aber wir merken schon, wenn’s irgendwo klemmt. Und dann wollen wir Erklärungen haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Vielleicht ist überhaupt einmal eine grundsätzliche Erklärung über Reisejournalisten angebracht. Auf Pressereisen trifft man vier Sorten von Journalisten. Da sind die Altgedienten, die Ausgedienten. Die Kollegen im Ruhestand, die nicht mehr arbeiten müssen und praktisch zu ihrem Vergnügen reisen und anschließend ohne jeden Zeit- und finanziellen Druck ihr Artikelchen abliefern. Dagegen ist ja nichts zu sagen, wenn nur diese Veteranen und Urgesteine nicht ununterbrochen darauf hinwiesen, wie toll [im Geschäft] sie einmal waren… Als würde ein Fischgeschäft werben: Vor einem Jahr hatten wir einen  tollen Hecht im Angebot.

Dann gibt es die Gruppe der Lokal-, Sport-, Kultur- oder Sonstwasjournalisten, die von ihrem Chefredakteur auf diese Reise geschickt wurden – im normalen Losverfahren, als Belohnung oder aus was sonst immer für einen Grund. Diese Gruppe teilt sich in zwei Untergruppen: Die erste betrachtet diese Reise als eine Art Urlaub, die zweite arbeitet ernsthaft an einer Reisegeschichte. Vor letzterer Gruppe habe ich die größte Hochachtung – hier finden sich übrigens die nettesten Kollegen und Kolleginnen. Und dann gibt es noch die professionellen Reisejournalisten, ganz gleich, ob angestellt oder frei. Reisejournalismus ist ein schöner, aber auch ein ganz schön harter Beruf. Die meisten Reisejournalisten stehen unter einem großen Zeit- und wirtschaftlichen Druck. Schön, wenn auf der Reise mal etwas Freizeit aufkommt, Zeit zur Besinnung braucht auch jeder. Aber drei Stunden Freizeit in Varna – einer Stadt., deren Kern man in einer halben Stunde abmessen kann? Natürlich gibt es noch ganz andere Sehenswürdigkeiten in Varna. Aber die wurden uns nicht gezeigt. Das renommierte Archäologische Museum der Stadt hatte zu dieser Zeit geschlossen. Bravo, Meisterleistung.

Wir Reisejournalisten sind auch immer auf der Suche nach einem kostbaren und seltenen Gut: nach Informationen. Sie sollten nicht glauben, das Liefern von Informationen auf einer Pressereise sei eine Selbstverständlichkeit. Drei Beispiele von der Bulgarien-Reise. Am zweiten Reisetag werden wir zu einer Präsentation gebeten. Sie war – ich drücke das jetzt sanft aus – ein Witz! Sie bestand im Grunde nur aus der Schilderung dessen, was Bulgarien mit der derzeitigen Werbe- und PR-Kampagne will – und aus dem Verlesen des Programms,  Version IV. Für einen solchen Quatsch haben professionelle Reisejournalisten keine Zeit. Beispiel zwo: Da besuchen wir einen wunderschönen Botanischen Garten [Detailbericht folgt] und stellen beiläufig fest, dass man mitten im Botanischen Garten auch herrlich Urlaub machen kann – und zwar in Ferienwohnungen. Niemand der fünfköpfigen Reisebegleitung [den Fahrer mal abgezogen] kam auf die Idee, uns darauf aufmerksam zu machen – geschweige denn, uns zu dem wunderschönen Thema Informationen zu liefern. Beispiel drei: Wir besuchten eine Muschelfarm – zum Essen. Zur eigentlichen Muschel-Produktionsstätte draußen im Meer durften nur sechs Journalisten mit dem Boot hinausfahren. Wieder eine verschenkte Geschichte.

Perfekt informiert dagegen wurden wir in der neuen Golfanlage Thracian Cliffs [Bericht folgt]. Kein Wunder: Der General Manager ist ein Deutscher, der zwölf Jahre in der Anlage Fleesensee für Golf verantwortlich war. Er weiß, was sich Journalisten – bei all der Freundlichkeit, neben Sonne und Relaxen – wünschen: Informationen. Die Stunden auf dem Golfplatz haben die Reise rausgehauen.

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One response

24 05 2011
Philip Duckwitz

Ein überraschend persönlicher Bericht über Bulgarien, dessen offen angebrachte Kritik den Gehalt der Informationen keinesfalls schmälert. Auch die detaillierte Darstellung des Reisejournalismus ist trefflich formuliert und zeigt anschaulich unsere Arbeit an konkretem Fall.
Gut gemacht, Herr Kollege, genauso habe ich es auf der Tour auch teilweise empfunden.

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