Tagebuch: Veit Stoß – Krakau II

22 07 2011

Freitag, 22. Juli 2011

Eine solche Gästeführerin ist ein Göttergeschenk. Sie heißt Sylwia Jeruzal, redet ‚mit Händen und Füßen‘, spricht hervorragend Deutsch und hat eine der Journalistengruppen geführt, die auf Einladung der Rewe-Bausteingruppe in Krakau weilten. Sylwia hielt sich nicht mit der Aufzählung sämtlicher polnischer Herrscher auf, präsentierte nicht jedes Kunstwerk im Detail, setzte eigene, ganz persönliche Akzente. Immer wieder ließ sie sich von ihren eigenen Schilderungen mitreißen, dann entfuhr ihr ein „Wahnsinn“.

Beispiel Marienkirche. Natürlich wurde dort Veit Stoß‘ berühmter Hauptaltar bewundert, ein wahrhaft gigantisches Meisterwerk, an dem Veit Stoß mit einem Stab von Helfern ein Dutzend Jahre gearbeitet hat. Aber unsere Führerin lockte uns in das rechte Seitenschiff, wo ein anderes Werk von Veit Stoß hängt, ein großes Kruzifix aus Stein – laut Sylwia „viel bedeutender als der Hauptaltar, sein absolutes Meisterwerk“. Große Worte. Aber die agile Polin füllte sie mit Inhalt.

Also: Das Werk ist am Übergang der Gotik zur Renaissance entstanden, schon ganz im Geist der Renaissance. Sylwia, sinngemäß: In der Gotik ist das Irdische nicht so wichtig wie das Himmlische. So spielen Proportionen in der Landschaft und in der Menschendarstellung keine Rolle, die Renaissance kennt Perspektiven und genaue Details in der Menschendarstellung. Die Christusfigur, wie das Kruzifix aus einem [!] Steinblock gehauen, weist erstaunliche Genauigkeit auf, jede Ader, jede Sehne, jeder Muskel ist penibel ausgeführt.  Das ist „ganz Natur“. Der Faltenwurf des Lendenschurzes dagegen ist „ganz Kunst“. Ganz Natur, ganz Kunst – „das ist Veit Stoß“.

Marienkirche

Marienkirche

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