Tagebuch: Jüdisches Leben und Sterben in Krakau III

30 07 2011

Vor dem Krieg zählte Krakau 70.000 Juden. Jeder vierte Bewohner der Stadt war Jude. Heute sind es keine 200 mehr. Die Juden wohnten damals meist in Kazimierz, eine bis zur Eingemeindung vor 145 Jahren selbständige Stadt. 1941 wurden die Juden von den Deutschen, die Krakau im Polenfeldzug von 1939 besetzten, in Krakauer Ghetto vertrieben. Dies richteten die Deutschen im Stadtteil Podgórze am anderen Weichselufer ein. Die Juden wohnten dort auf so engem Raum, dass sie oft keinen Platz hatten, ihre Möbel aufzustellen. Fast alle Ghettobewohner wurden in den Konzentrationslagern Auschwitz und Plaszów ermordet. Nur 1.200 von ihnen überlebten in Podgórze – die „Schindlerjuden“, die Oskar Schindler in seiner Emaillefabrik beschäftigte.

Paulinerkirche in Kazimierz

Soweit die – furchtbaren – Fakten. Was erwartet eine Gruppe Journalisten, die sich zu einer Führung zum Thema „Juden in Krakau“ angemeldet haben? Wir waren auf eindrucksvolle, quälende Stunden gefasst. Wir – das waren Reisejournalisten, die von der Rewe-Bausteintouristik [Dertour, ADAC-Reisen, Meier’s Weltreisen] zur Programmvorstellung nach Krakau eingeladen waren und dort auch interessante Exkursionen angeboten bekamen.

Unsere Fremdenführerin war bei weitem nicht so gut wie die vom Vortag [s. Tagebuch vom 22. Juli: Veit Stoß, Krakau II]. Wenn sie ihr Ziel erreicht hatte [OHNE uns vorher zu sagen, was denn die nächste Station auf der Führung ist] , redete sie los – unabhängig davon, wie viele Teilnehmer der Gruppe ihrem Fast-Laufschritt folgen konnten. Schnell machte der Spruch die Runde: „Wir sind auf einer Pressereise, nicht auf der Flucht…“ Das umfangreiche Wissen der Führerin zweifle ich nicht an, aber Geschick im Führen einer Gruppe hatte sie nicht.

Auf alt getrimmt: Kneipe in Kazimierz

Dennoch: Was haben wir alles gesehen! Die Stadt Kazimierz zerfiel nach dem Krieg, Kriminalität und Prostition machten sich breit. Man glaubt es kaum: ERst der Film „Schinlers Liste“, der zu weiten Teilen im alten jüdisch Viertel gedreht wurde, erweckte den Stadtteil aus seinem verrufenen Dornröschenschlaf. Häuser wurden saniert, Geschäfte zogen ein, Restaurants – davon manche auf alt getrimmt -, wurden eröffnet. „Heute ist der Stadtteil sozusagen das Kreuzberg von Krakau“, sagte die Führerin.

Wir sahen [von außen] das frühere Rathaus von Kazimierz aus dem 16. Jahrhundert, umgebaut im 18. Jahrhundert, heute mit Ethnografischem Museum, ebenfalls nur von außen die Alte Synagoge [15, Jahrhundert, im 16. Jahrhundert umgebaut, im 17. Jahrhundert erweitert, heute mit Jüdischer Abteilung des Museums für Stadtgeschichte], die Mitte des 16. Jahrhunderts erbaute Synagoge Remu’h, die heute noch in Betrieb ist. Hinter der Synagoge liegt der gleichnamige Friedhof, auf dem seit 200 Jahren niemand mehr begraben wurde. Auf den künstlerisch gestalteten Grabsteinen liegen kleine Steine – Mitbringsel von Friedhofsbenutzern, denen Blumengaben untersagt sind: Zu Toten darf nur Totes kommen.

Die Alte Synagoge

Schulklasse auf dem Friedhof Remu'h

Die jüdische Bücherei

Wir stöberten in einer zauberhaften jüdischen Bpücherei, aßen in einen netten jüdischen Restaurant zu Mittag, durchstreiften [oder besser: durchmaßen im Fast-Laufschritt] Straßen und Gassen, schauten mal hier inb ein Geschäft hinein und dort in ein Restaurant. Dann ging es über die Weichselbrücke nach Podgórze. An das Ghetto erinnert auf dem Hauptplatz nur noch edine Kunstinstallation: über mannsgroße Stühle, die über Platz verstreut sind und an die Verlassenheit des Ghettos nach dem Massenmord erinnern.

Restauriert und modernisiert liegt Schindlers Fabrik heute schneeweiß an der Lipowa-Straße. Vor einem Jahr wurde hier ein Museum eröffnedt – oder besser: eine interaktivve Multimedia-Ausstellung über die Besetzung Krakaus durch die Deutschen von 1939 bis 1945. Die vielen Fotos und Filme aus dieser Zeit, die Bilder der Erhängten und Gequälten, sind erschütternd. Irgendwann kommt unweigerlich der Punkt, an dem jeder Besucher sagt: Ich kann nicht mehr, ich will nichts mehr sehen – und doch weitergeht.

Interaktives Museum: Fabryka Schindlera

Die Filminterviews der Überlebenden singen das Hohelied auf Oskar Schindler, diesen Parteigänger derNazis, den Mitarbeiter des Amtes Canaris, den Opportunisten, der das Leider der Juden aber nicht mitansehen konnte. Was für eine Leistung: Obwohl mehrfach zum Verhör bestellt und der Judenfreundlichkeit  verdächtigt, ließ der Unternehmer in seiner Emaillewarenfabrik nicht davon ab, „seine“ Juden zu schützen. Keiner von ihnen wurde im Unterlager des Konzentrationslagers Plaszów, das er auf dem Werksgelände einrichten durfte, gequält oder umgebracht. Auf dem Schwarzmarkt kaufte er Lebensmittel und andere Waren, um das Los der Juden zu verbessern. Geschickt ließ er die Fabrik als kriegswichtige Produktionsstätte einstufen, die SS-Wachleute des Lagers durften die Fabrik nicht betreten.

Geschirr fürs Militär, heute verwittert...

...früher blitzeblank

Schindler besaß noch eine Fabrik, und zwar eine Textilfabrik in Brünnlitz/Brněnec. Als die Russen immer näher kamen, wurde das KZ Plaszów und die Unterklager geräumt. Das bedeutete für viele der sichere Tod.  Wieder gelang Schindler etwas Unvorstellbares: Er erlangte die Erlaubnis, seine Fabrik mit der kriegswichtigen Produktion nach Brünnlitz zu verlegen – und seine Arbeiter mitzunehmen. Wer mitreisen durfte  und somit gerettet wurde, stand auf Schindlers Liste.

Einen Hauch von Ahnung, wie Schindler die Bürokratie der Nazis nutze, um Menschenleben zu retten und welche gefährliche Wanderung auf dem Grad Leben-Tod er dabei machte,  bekommen Besucher des Museums, wenn sie vor Schindlers Schreibtisch stehen. Auch die Schreibmaschine, auf der Schindlers Sekretärin die Liste tippte, ist ausgestellt.

Der Besuch in Schindlers Fabrik ist ein Muss für jeden, der sich mit unserer Geschichte auseinandersetzt. Ich habe mehrere Schulklassen gesehen, die ernst und konzentriert versuchten, das Unfassbare zu begreifen. Jeder mit dem Gesetzt in Konflikt gekommene Neonazi – nein: JEDER Neonazi müsste zum Besuch verpflichtet werden. Auch dieses Museums gehört zur Städtereise nach Krakau. Viele Rundreise-Gruppen, vor allem Schulklassen, machen von Krakau noch den relativ kurzen Abstecher nach Auschwitz.Der Genuss dieser zauberhaften, lebendigen, südländisch wirkenden Stadt ist dadurch allerdings stark gestört. Und das ist gut so.

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