Tagebuch: Ich bitte um einen schönen Applaus!

4 09 2011

Sonntag, 4. September 2011

„Arena“ heißt der Zirkus, den meine kleine Freundin Püppi und ich gestern besuchten. Er gastiert in der Nähe des U-Bahnhofs Olympiastadion. Gestern war nicht so richtiges Zirkuswetter. An diesem waschechten Sommertag war es im Zelt furchtbar heiß [das zum Thema „klimatisiert“], und die Vorstellung lockte vielleicht hundert große und kleine Leute an. „Ich hab ’nen Clown gesehen!“ schrie Püppi, als ich am Kassenhäuschen stand. Dann aber bekam sie Angst vor den beiden jungen Clowns, die als Kartenabreißer am Eingang standen und schlich sich in  meinem Windschatten ins Zirkuszelt.

Zur Feier des Tages hatte ich uns Logenplätze spendiert. Denn das war so eine Art ‚Abschiedsunternehmung‘. Püppi, meine kleine Freundin, und ihre Mama, sozusagen meine große Freundin, verlassen mich und meine Wohnung am Dienstag. Sie ziehen in eine andere, große, fremde, weit entfernte Stadt. Püppi weiß noch nichts davon…

Zirkus also. Mit großer Bergeisterung genoss die junge Dame die Darbietungen der Zirkusfamilie Franke: die Pferdenummer und das Kamel-Tableau, die Nummer am Schwingseil, die [schwachen] Auftritte der Clowns und die rasante Nummer am und im Todesrad. Neben uns saß zu Beginn der Vorstellung ein etwa Zwölfjähriger, dem ich sofort ansah, dass er zur Zirkusfamilie gehörte. Er rief am lautesten „Bravo“ und klatschte, was das Zeug hielt. Bis ihm ein Clown, sehr originell, einen Eimer Popcorn über den Kopf goss und damit seine Rolle erledigt war.

Als der Junge sich davon geschlichen hatte, klaubte Püppi die Popcorn-Reste von seinem Stuhl. Wir haben sie uns kameradschaftlich geteilt. Während der Vorstellung tauchte Püppi immer wieder ab, um Popcorn vom Boden aufzusammeln. Da habe ich das Mitessen verweigert.

„Ich liiiiiiebe Kamele“, rief Püppi, als die Schwielensohler in langer Reihe in die Arena einzogen. Schlappseil und Todesrad, so erzählte sie mir nach der Vorstellung, hätten ihr am besten gefallen. Das waren übrigens auch die einzigen Nummern, die wirklich Format hatten, alles andere war – eben kleiner Familienzirkus. Nicht schlecht, aber auch nicht atemberaubend oder nervkitzelnd. „Die Clowns mag ich nicht“, sagte Püppi. Guten Geschmack hat die Kleene.

Auf der Rückkehr vom Zirkus übte Püppi schon auf dem Weg zur U-Bahn und erst recht im Waggon  artistische Nummern, übrigens gar nicht so ungeschickt. Ich nehme an, sie stellte sich vor, wie sie am Schlappseil hoch über den Zuschauern schwebte. Als ihre Darbietung fertig war, verbeugte sie sich bis auf den Boden nach allen Seiten und sagte laut: „Ich bitte um einen schönen Applaus!“ Die Umstehenden klatschten.

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