Tagebuch: Die schönen Italiener[innen]

15 09 2011

Donnerstag, 15. September 2011

Stickige Luft schlägt mir entgegen. Es riecht wie in einem Klassenzimmer nach der Abitur-Klausur. Trotz intensiver Einlassbeschränkungen sind die Räume übervoll. Ein babylonisches Sprachengewirr erfüllt die Ausstellungssäle. Eine Besucherin spricht laut in ihr Handy. Ein junger Mann knipst ungeniert, obwohl das Fotografieren verboten ist.

Nein, so hatte ich mir die „Gesichter der Renaissance“ nicht vorgestellt. Gut, als Pressemann musste ich nicht zwei oder drei Stunden vor dem Bode-Museum Schlange stehen. Das taten die Besucher übrigens mit Geduld und guter Laune. Aber konnten sie sich im Innern des Musentempels nicht ein wenig zusammennehmen?

Man glaubt ja gar nicht, wie blöd und rücksichtslos manche Zeitgenossen sind: Sie stellen sich zu zweit vor ein Bild und lassen keinen anderen mehr zugucken. Besonders ärgerlich sind die vielen geführten Gruppen. Sie stellen sich immer gruppenweise so nah vor die Bilder, dass kein anderer etwas sieht.

Unter derart erschwerten Bedingungen beschließe ich, mir die gute Laune nicht nehmen zu lassen – und die herrlichen Porträts zu genießen. Allein die Gemälde Botticellis sind den Besuch wert. Der Künstler hat nicht nur schöne [das „Portrait einer Dame am Fenster“ namens Smeralda] oder gar buchstäblich bildschöne [die beiden traumhaft schönen „Portraits einer Dame“ mit dem Namen Simonetta Vespucci] Frauen gemalt, sondern auch Männer, deren Schönheit erst entdeckt werden muss. Vor dem Portrait des grimmig [?] oder zweifelnd [??], auf jeden Fall distanziert dreinblickenden Michele Marullo Tarchaniota gerate ich ins Grübeln – bis sich wieder eine dreiste Besucherin zwischen mir und das Gemälde schiebt.

Die Ausstellung ist ein Gedicht! Die Hängung, die Ausleuchtung, die Beschriftung, die wohltuend kurzen und präzisen Einleitungstexte in den verschiedenen Sälen. Da ich kein Freund von Tonbandführungen bin, weiß ich nicht, wie gut oder schlecht die akustischen Führungen sind. Mein Tipp: reingehen, Lieblingsbilder suchen, das art-Spezialheft „Die italienische Renaissance“ kaufen [9,50 Euro] – und noch einmal reingehen. Es gibt auch einen hervorragend editierten Katalog [29 Euro], der aber schwere Kost ist. Und noch ein Tipp: Die Wartezeit können Sie gut überbrücken, indem Sie die ständige Sammlung des Bode-Museums besuchen: Riemenschneider, Donatello… Per SMS werden Sie benachrichtigt, wenn Sie an der Reihe sind, die „Gesichter der Renaissance“ zu bewundern. Die Wartezeit vor dem Ticketkauf lässt sich nicht umgehen. Es sei denn, Sie zahlen stolze 30 Euro für ein VIP-Ticket…

Bode-Museum

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One response

15 11 2011
Tagebuch: der kleine Prinz « Schwar[t]z auf Weiss

[…] und je, es roch muffelig, und die Besucher benahmen sich rücksichtslos, wie ich es schon in meiner Tagebuchnotiz am 15. September geschrieben hatte. […]

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