Tagebuch: Kneipe, Kirche, Kanapee – Belgrad II

22 12 2011

Mittwoch, 21. Dezember 2011

„Die Stadt Belgrad braucht keine Sehenswürdigkeiten“, sagte einer meiner Belgrader Gesprächspartner. Was er meinte, ist klar. Die Zweimillionenstadt besitzt keine Aufsehen erregende Attraktionen. Das Parlamentsgebäude, das Theater – das kann man gewiss nicht dazu zählen. Höchstens noch die Festung und Titos Grab, doch davon später. Nein, Belgrads Stärke ist die Atmosphäre, ist das turbulente Leben. All das ist schwer zu beschreiben. Die Chefin der Nationalen Tourismus Organisation Serbiens, also die höchste Werberin für das Reiseland Serbiens, nennt ihr Land und Belgrad sogar ganz realistisch  ein „Zweit-Reiseziel“.

Mein Bärenführer Zeljko hat sich große Mühe gegeben, mir seine Stadt zu präsentieren. Er hat nichts beschönigt, aber immer wieder durchblicken lassen, wie sehr er diese Stadt und ihre Menschen liebt. Ohne ihn hätte ich nicht so schnell Zugang zu Belgrad gefunden. Bis zur Halskrause vollgepackt mit Geschichten und Anekdoten, mit Daten und Biografien, ließ mir Zeljko keine Ruhe, keine Minute des Schweigens – zum Sortieren der Informationen, zum Nachdenken, zum Auswerten. Das hole ich gerade nach.

Auch im Café ? [das ist korrekt: es heißt „Fragezeichen“] ließ mir der wackere Cicerone keine Ruhe. Das älteste Gasthaus der Stadt ist kein ‚richtiges‘ Café, sondern eine Kafana. Ka-was? Eine Kafana ist schwer zu definieren, eine Mischung aus türkischem Gasthaus und österreichischem Beisl, auf jeden Fall eher Kneipe als Restaurant.

Was schrecklich ist an Belgrad: Es wird geraucht. Immer und überall. Zwar müssen Restaurants und ähnliche Etablissements Nichtrauchertische bereithalten – aber die stehen neben den Rauchertischen. Mir fiel auf, dass so mancher Raum dringend eine Lüftung nötig gehabt hätte. Rauchen ist spottbilig. Zigarettenpackungen gibt’s schon ab 80 Cent, Importzigaretten kosten 1,60 Euro pro Packung. Alle, alle rauchen sie, Frauen mit Kinderwagen, Kellner und Schüler, Geschäftsleute und Verkäufer. Meine Klamotten stinken heute noch.

In einer Stadt, die Jahre mit Tito und Milosevic hinter sich hat, ein striktes Handelsembargo durch die Uno, eine galoppierende Inflation, ein über 70 Tage dauerndes Bombardement durch Nato-Truppen, in einer solchen Stadt bleibt es nicht aus, dass mit Besuchern schnell über Politik geredet wird. Hier bemühte sich Zeljko sehr um Objektivität. Er zeigte mir Spuren des Bombardements oder mehr: Zerstörungen. Das Verteidigungsministerium liegt heute noch in Schutt und Asche da. Als Mahnmal? Aus Geldmangel? Ein Achselzucken ist die Antwort, wen auch immer man danach fragt. Subtilere Spurensuche: Im Königlichen Schloss hat die Druckwelle einer Bombardierung auf einem antiken Globus einen weißen Fleck gerissen.

Die Rote Armee ließ die Paläste heil, aber ab und zu malten die Soldaten einen Sowjetstern in die Rankenmuster an der Decke. Und  in der Königlichen Kapelle zeigte mir Zeljko, wie die Soldaten dem Christus hoch oben in der Kuppel – ein Loch in die Stirn geschossen haben… Im Weißen Palast, der zum Ensemble der Königlichen Bauten gehört, steht das berühmte Kanapee, auf dem Milosevic [übrigens mit allen Tüddelchen korrekt so geschrieben:  Milošević] Hof hielt und ausländische Gäste empfing. Der Bezug der um Kanapee und Tisch herumstehenden Stühle ist abgewetzt. „Weil die Gäste vor Angst hin und her rutschten“, meint Zeljko. Humor hat er ja, der Stadtführer.

Rückblick: Bilder aus dem „Reiseland“ Ägypten – nichts für schwache Nerven!

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