Tagebuch: Das mit dem Lächeln

4 01 2012

Mittwoch, 4. Januar 2012

Was wird in Berlin nicht alles über München und die Münchener erzählt [und in München über Berlin und die Berliner]! Grantig seien sie, äußerlich immer schick, aber im Inneren mit sich und der Welt im Unreinen. Ich habe das in der Woche, die ich nach Weihnachten über Silvester dort verbrachte, anders erlebt. Gewiss, die Mädels machen sich dort fürs Kaffeehaus schicker als bei uns zum Opernbesuch. Aber grundsätzlich grantig? Das stimmt nicht. Ich würde nicht gerade von der „Hauptstadt des Herzens“ sprechen, um ein anderes Klischee zu bemühen. Aber Tatsache ist, dass der Grundton, der Umgang miteinander freundlicher ist als hier bei uns.

Ein Beispiel: Ich gehe mit meiner kleinen Freundin Püppi ziemlich gedankenverloren über die Straße und übersehe dabei ein Taxi. Ach du Schreck! Aber der Taxifahrer hält, lächelt und fordert uns auf weiterzugehen. Einen Kollegen, der ihn überholen will – und uns damit gefährden würde –, hupt er an, laut und anhaltend.

Glückwunsch in 2 Sprachen

 Zweites Beispiel: In der Neuen Pinakothek kämpft ein Mitarbeiter in der Garderobe mit der Warteschlange, die immer länger wird. Aber er behält die Ruhe – und wünscht jedem einzelnen, der seinen Mantel wieder abholt, ein „schönes, glückliches Neues Jahr“, bei Ausländern auch auf Englisch. Und dass die Aufpasser versuchen, einem kleinen Mädchen die Bilder zu erklären – wo würde ich das bei uns auf der Museumsinsel erleben?

Zufälle, sagen Sie? Nein, Beobachtungen. Die Auflistung könnte endlos werden: die Kassiererin bei Lidl, die Kellnerin im Café Soda, der Verkäufer im Buchladen. In einer Drogerie drängelt sich eine Schar junger Damen an mir vorbei. Eine jede rempelt mich an, und eine jede sagt „Entschuldigung“. Und als ich in der S-Bahn Richtung Flughafen meine schwere Laptoptasche einem Mitfahrer auf den Fuß fallen lassen, heißt die Reaktion nur „passt scho“ [lächelnd]. Das Lächeln allenthalben macht gute Laune, selbst wenn das Wetter bescheiden ist. München hat mir schon allein deshalb gut gefallen.

Und dann die Museen! Als verwöhnter Berliner Museumsbesucher war ich von den dicht beieinander stehenden Pinakotheken beeindruckt. Die Alte Pinakothek hatte ich bei meinem letzten München-Besuch besichtigt. Diesmal stand die Neue Pinakothek auf dem Programm. Was für eine Bilderpracht! Amsel Feuerbachs meisterhaftes „Nanna“-Bildnis. Lenbachs berühmtes Bismarck-Porträt mit den merkwürdig hingeschluderten Händen. Und zwischendrin ein äußerst witziges Bild. „Affen als Kunstrichter“ heißt es und wurde 1889 von Gabriel von Max gemalt:

Affen als Kunstrichter

Die Pinakothek der Moderne birgt mehrere Museen – ein in Deutschland wohl unvergleichliches Design-Museum, ein Architekturmuseum und die Bildergalerie mit Werken von der der Klassischen Moderne bis zur Gegenwart. Püppi war von den Exponaten des Designmuseums sehr beeindruckt, z.B. von diesem Entwurf:

Wow!

 „Die find‘ ich nicht schön!“ sagte ich vor etwa 50 Jahren, als ich in der Hamburger Kunsthalle vor Gemälden des Künstlers Max Beckmann stand. Das rief meinen Freund Hans Hermann Hagedorn auf den Plan, sehr verärgert: Auf Schönheit komme es bei der Malerei nicht an. Der Künstler habe uns etwas zu sagen. Ich solle auf die Formensprache achten undsoweiterundsoweiter…

An diese Lektion musste ich denken, als ich in der Pinakothek vor den Beckmann-Gemälden stand. Gerne hätte ich mit meinem väterlichen Freund HHH heute über die Beuys-Werke geredet, an denen die Pinakothek der Moderne so reich ist. Mit Beuys ‚kämpfe‘ ich noch heute.

Natürlich sind in dem Museum auch ’schöne‘ Bilder zu sehen. Vor allem die Werke der Klassischen Moderne – die Gemälde der Brücke oder des Blauen Reiters z.B. – empfinden wir heute ausnahmlos als ’schön‘. Aber bei näherem Hinsehen sind sie viel, viel mehr… Püppi war langsam gelangweilt, ich wurde immer aufgekratzter. Und bin noch einmal hingegangen in die Pinakothek der Moderne. Ich war im Siebten Himmel.

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