Tagebuch: Wenn einer eine Reise tut…

6 02 2012

Montag, 6. Februar 2012

…dann kann er was erzählen. So’n Bart hat der Spruch. Aber er stimmt. Höre[n Sie] zu! Ich wollte gestern von Berlin nach St. Goarshausen fahren. Dort halte ich heute und morgen zwei „Schreibwerkstätten“. Zuerst habe ich den Zug von Berlin nach Frankfurt genommen. Dass mein reservierter Wagen des ICE im Berliner Hauptbahnhof nicht im Abschnitt G hielt, wie vom „Wagenstandsanzeiger“ angezeigt war, hat mich nicht gestört. Das ist Alltag bei der Bahn. Dass der Zug irgendwann in der Wolfsburger Gegend auf freier Strecke hielt, war schon bemerkenswerter.

Da erscholl die Stimme des Zugführers – und von da an jede Viertelstunde, ein Bravo für diesen Mann: So müsste die Information der Bahn immer sein!!! -, der uns mitteilte, der Zug habe ein technisches Problem. Nach einer Viertelstunde ging’s weiter, aber im Bummelzugtempo. In Braunschweig oder Hildesheim, genau weiß ich das nicht mehr, wurde ein „Gesamtreset“ durchgeführt, wie der unglaublich bemühte Zugführer uns mitteilte. Was auch immer ein Gesamtreset ist: Es funktionierte, der ICE sauste mit großer Geschwindigkeit Richtung Frankfurt.

Dort kam er mit fast einstündiger Verspätung an. Ich musste fast rennen, um meinen Anschlusszug zu bekommen – eine Stunde später als geplant, aber gottseidank fahren die Züge auf der Strecke Frankfurt-Neuwied, der Rheingau-Linie der Gesellschaft VIAS,  im Stundentakt. Gearbeitet, gelesen, gedöst, die nächsten eineinhalb Stunden vergingen im Nu. Dann kam St. Goarshausen. Aber die Wagentür liess sich nicht öffnen. Der Zug fuhr weiter, mit mir als verdattertem Gast an Board. Ja, ja, die Tür ist defekt, sagte mir der Schaffner, die „Firma“ müsse da mal ein rotes Band anbringen. Ein Sonnenscheinchen. Auch ein zweiter Bediensteter der VIAS, der offensichtlich Zähllisten führte, sah tatenlos zu, wie in versuchte, die Tür zu öffnen. [Wetten, dass die beiden noch Ärger bekommen!]

Ich ließ mir vom Schaffner die unfreiwillige Weiterfahrt bescheinigen, nahm auf irgendeinem Bahnhof nach 20 Minuten Wartezeit bei minus 15 Grad den Gegenzug und war dann endlich und müde und halberfroren nach neuneinhalbstündiger Odyssee im Hotel. Geschafft. Aber die Wunderlichkeiten nahmen kein Ende. Ich fand ein Restaurant, das offen hatte [Sonntag!], wurde sehr herzlich begrüsst und nahm Speis‘ und Trank zu mir wie ein Fürst. Als der Hunger gestillt war, entdeckte ich, dass auf den Tischen Tischdecken in Bundeswehr-Tarnfarben lagen. Auf den Nachbartischen standen Militär-Metallgefässe [oder wie das Zeug heißt]. In einer Nische hingen Uniformen in Tarnfarben. Die Decke und die kleine Treppe, die zum Restaurant hochführte, zierten Tarnnetze. Sind Sie ein Bundeswehrfan, fragte ich den Wirt. Nö, war seine Antwort. Aber sein Lokal sei Möhnenhauptquartier, und das diesjährige Motto der Möhnen sei halt: Bundeswehr.

Ich habe noch nicht gegoogelt, was Möhnen sind. Ich schätze, wilde Weiber, die uns armen Männern zu Karneval arg zusetzen… Als ich schließlich ins Bett fiel, schreckte ich plötzlich durch ungeheuren Lärm auf. Und das widerfuhr mir imner wieder nachts. Ich schlief schlecht und träumte von Terroristen. Ich hatte einfach nicht realisiert, dass das Hotel unmittelbar an der Bahnstrecke lag – und deshalb die Züge pausenlos durch mein Zimmer rasten.

Wenn einer eine Reise tut… Was ich erlebt habe, hätte für vier Reisen gereicht.

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12 02 2012
Tagebuch: Die trockene Werkstatt « Schwar[t]z auf Weiss

[…] Seminare und Vorlesungen gehören bei mir seit Jahrzehnten zum Alltagsgeschäft. Seminare gebe ich für das Deutsche Seminar für Tourismus [DSFT], für die Hochschule für Wirtschaft und Recht in Berlin, für die Hochschule für nachhaltige Entwicklung in Eberswalde/Brandenburg. Und ich reise relativ häufig zu Inhouse-Seminaren: In eigener Regie oder auf Vermittlung und im Auftrag des DSFT führe ich Seminare bei Auftraggebern aus der Touristik durch, bei Tourismusorganisationen, Landesmarketinggesellschaften usw. Meist machen mir die Seminare Spaß. Aber so viel Spaß wie Anfang der Woche hatte ich selten. Das hat mich – ganz offen gesagt – glücklich gemacht. Auf Einladung des Zweckverbandes Welterbe Oberes Mittelrheintal [das habe ich mir nicht ausgedacht – der Verband trägt wirklich dieses Wortungetüm im Namen…] war ich in St. Goarshausen, um zwei Tage hintereinander „Schreibwerkstätten“ durchzuführen. Die Anreise war eine kleine Katastrophe – siehe Tagebuch von Montag. […]

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