Tagebuch: Richters Panorama

11 02 2012

Samstag, 11. Februar 2012

Mit Bildern von Gerhard Richter habe ich mich bislang schwergetan. Gewiss, dass da ein Genie am Werk ist, das war mir schon bewusst. Aber ich kam nicht mit den Stilen klar: mal abstrakt, mal gegenständlich, mal verschwommen, mal fast fotografisch genau, mal in Grautönen, mal überraschend farbig. Der RAF-Zyklus „18. Oktober 1977“ hat mich, als ich ihn zum ersten Male sah, regelrecht umgehauen. Aber kann der Mann sich nicht mal auf einen Stil festlegen?

Richters jüngstes Werk am Eingang zur Ausstellung: „Strip 2011“, drei Meter im Quadrat

Gestern ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen: Richter wendet alle Stile parallel an, also gleichzeitig. Es gibt einfach keinen ausdrücklichen Richter-Stil. Vor allem die abstrakten Bilder waren für mich eine Offenbarung. Gestern fand in der Neuen Nationalgalerie in Berlins Kulturforum die – völlig überfüllte – Pressekonferenz zur großen Richter-Retrospektive „Panorama“ statt. Richter war da; ich glaube, eine solche Zuwendung, ein solches Blitzlichtgewitter hat selbst er noch nicht erlebt.

Vorgestern ist Richter 80 Jahre alt geworden. Er sieht aus wie 60. Ein kleiner, feiner, freundlicher Herr, lächelnd, manchmal spitzbübisch lächelnd, und – bescheiden. Graue Stoppelhaare, grauer Dreitagebart. Eindrucksvolle Augen hat er, die hohe Intelligenz verraten, einen starken Willen, viel Kraft. Der Blick kam mir seltsam vertraut vor. Gerhard Richter ist ein Mensch mit einer unglaublichen Ausstrahlung.

Diese hat nicht direkt mit seiner Berühmtheit zu tun. Richter wird als bedeutendster deutscher Maler der Gegenwart gefeiert. Seine Werke zählen zu den teuersten auf dem Kunstmarkt, solche Summen werden für keinen anderen noch lebenden Maler gezahlt. Bei Sotheby’s, die es ohnehin verstehen, Preise in die Höhe zu treiben, erzielte gerade ein „Abstraktes Bild“ von Richter den unglaublichen Preis von 15 Millionen Euro. „Absurd“ nennt der Meister selbst solche Preise.

130 – oder sind’s 140 – Richter-Werke zeigt die Ausstellung. Sie bespielt endlich mal wieder das obere, nicht unter der Erde liegende Stockwerk des Museums, Mies van der Rohe genialen Glaskubus. Der Architekt wäre glücklich, dürfte er diese Ausstellung noch erleben. Sie ist perfekt. Sie ist ein Traum. Sie lässt Besucher lange nicht los – oder sogar nie wieder. Der RAF-Zyklus ist in der „Pamorama“-Ausstellung nicht zu sehen. Er hängt zeitgleich in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel.

Mein Lieblingsbild: „Lesende“

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: