Tagebuch: Pferde statt Narren

19 02 2012

[Karnevals-]Sonntag, 19.Februar 2011

Karneval, nein: Fasching in München. Weit und breit kein Verkleideter zu sehen, kein Kind und kein Erwachsener. Das gefällt mir, denn ich bin karnevalsgeschädigt. In meiner rheinischen Heimatstadt Aachen aufgewachsen, gehörte einst Karneval zu meinem [jungen] Leben wie Frühling, Sommer, Herbst und Winter. Mein Vater war Mitglied des Aachener Karnevalsvereins [AKV], und ich ging mit ihm brav zur „Herrensitzung“ und zur Verleihung des Ordens wider den tierischen Ernst [im Rückblick eine ziemlich humorlose Angelegenheit]. Als Kind und Jugendlicher genoss ich den Straßenkarneval, als Heranwachsender auch durchaus die Freiheiten, die uns der Karneval [und merkwürdigerweise auch die Mädchen] gewährte[n].

Aber dann kam mein Volontariat bei einer Tageszeitung, den Aachener  Nachrichten. Von da an musste [!] ich zu Karnevalssitzungen gehen und darüber berichten! Schreiben Sie mal 30 Zeilen über eine Karnevalssitzung, die vier Stunden dauert. Über dämliche Herrenwitze [trärä, trärä, trärä]. Über Büttenreden auf dem Niveau von Primanern, die einen über den Durst getrunken haben. Wenn wirklich, was durchaus vorkam, mal eine gute Büttenrede darunter war, konnte man diese nicht richtig würdigen, weil ja jeder erwähnt werden wollte, die Kalauer-Produzenten wie die Raketen-Zünder.

Dazu kam, dass die Vereine die Zeilen zählten, die ihren Sitzungen und denen ihrer Konkurrenten gewidmet waren. Da gab es Anrufe beim Lokalredakteur und böse Beschwerden. Aber nicht über mich. Ich war der erklärte Liebling aller Karnevalsvereine. Ich gab mir Mühe, und ich fand immer einen Dreh zur Berichterstattung. Ich bekam mit, wie der Sportredakteur, Mitglied im Elferrat des AKV, meinen Boss, den Lokalchef anschrie: „Ich wünsche mir von Dir einmal so einen Bericht, wie der Schwartz sie über Karnevalsvereine schreibt!“ Der Schwartz fand sogar, höchste Weihen im Aachener Karneval, das Wohlgefallen von Jaques Königstein, dem schwergewichtigen AKV-Präsidenten und Graue Eminenz des Karnevals. Der Mann zehrte noch 20 Jahre später vom Ruhm seiner Rundfunksendung, die er blendend moderierte: „Das ideale Brautpaar“. Mit der späteren Fernsehfassung dieses Formats ging er baden.

Als ich 1972 nach Berlin ging, war ich den Karneval los. Für immer. Keine zehn Pferde würden mich… Und wie gesagt, keine Verkleideten in München. Bis  auf eine Frau im Museum, die mit giftgrüner Perücke als Undine verkleidet war. [Eigentlich war sie viel zu alt für solch ein Kostüm, aber das ist wohl Narrenfreiheit…] Apropos Museum: Wir, meine kleine Freundin Püppi und ich, waren in der Neuen Pinakothek. Museumsbesuche mit der kleinen Madame, die mittlerweile fünf ist, gehören zum Standardprogramm, wenn ich Püppi und ihre Mama in München besuche. An der Museumskasse nahm sie meinen Presseausweis und sagte der Kassiererin: „Das ist mein Horst.“ Und dann stibitzte sie meine Geldbörse, klappte sie auf und zeigte der Kassiererin das Bild, das nun zu sehen war: „Und das ist meine schöne Mama!“

Püppi und ich sahen uns die Ausstellung „George Stubbs – Science into Art“ an, die meisterhaften Tierbilder des britischen Malers, der von 1724 bis 1806 lebte.  Er trieb selbst anatomische Studien und nahm eigenhändig Sezierungen vor. Umso genauer gerieten ihm die Proportionen seiner herrlichen Pferdebilder und der Studien von Zebra,  Gepard und Nashorn. Bei aller Genauigkeit prägt alle Bilder ein gewisser, nicht beschreibbarer, aber deutlich zu spürender Zauber. Zahlreiche Bilder, die aus vornehmen britischen Landhäusern und Schlössern von Lords und Dukes ausgeliehen sind, waren noch nie in der Öffentlichkeit zu sehen.

Übrigens: Püppi interessierte sich mehr für die Pferdebilder im ausliegenden Katalog als für die Pferdebilder an der Wand. Und für die Getränkekarte im Museumscafé, obwohl sie noch nicht lesen kann. Heiße Schokolade für Püppi, doppelter Espresso für mich. Liebenswerte Rituale.

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: