Tagebuch: Kunst im Klo

26 05 2012

Samstag, 26. Mai 2012

Solche Toiletten habe ich noch nie gesehen: durchaus altmodisch, nicht so furchtbar komfortabel – aber in anheimelndem Rot gestrichen und mit köstlichen Gemälden verziert. Es sind Werke des britischen Künstlers Stephen McKenna. Der hatte das derangierte Bahnhofsklo des Bahnhofs Rolandseck bei Bonn 1972 wieder auf Vordermann gebracht und mit seinen Werken verziert. Das soll seine Bezahlung dafür gewesen sein, dass er im damaligen „Künstlerbahnhof „Rolandseck frei wohnen durfte. Ein paar frivole Bilder sind auch dabei – z.B. eine liegender Akt [Bild unten] direkt neben den Pinkelbecken. Es ist nicht überliefert, ob das schon einmal schief gegangen ist.

Ich war auch, erst vorsichtig um die Ecke lugend, auf der Damentoilette. Sie ist ebenso künstlerisch verfeinert worden [Bild unten].

Die Bahnhofstoilette gehört also zum Bahnhof Rolandseck, an dem immer noch Regionalzüge halten.  Der Bahnhof selbst war einst ein Prunkstück klassizistischer Bahnhofsarchitektur. Er wurde 1855 für die Bonn-Cölner Eisenbahn-Gesellschaft eröffnet. Das zweistöckige, über dem Rhein liegende Gebäude passte sich und passt sich noch immer der herrlichen, mit hochherrschaftlichen Villen  bestückten Rheinlandschaft an. Für einen solchen Zweckbau war der Bahnhof auffallend elegant, mit Stuckdecken und Lüstern, einen Festsaal und einer großen Terrasse – und überall prächtige gußeiserne Säulen…

Es gab immerhin vier Klassen und vier unterschiedlich großzügig ausgestattete Wartebereiche. Die eleganteren Wartebereiche für die erste und zweite Klasse lagen im ersten Geschoss. Hier warteten schon Kaiser Wilhelm II. auf den Zug. Der kam damals wahrscheinlich pünktlicherr als heute…

Nach dem Zweiten Weltkrieg wollte die Bundesbahn [typisch!] das heruntergekommene Gebäude abreißen. Das rief den Kunstsammler und Galeristen Johannes Wasmuth auf den Plan, der mit Stefan Askenase, dem begnadeten Klaviervirtuosen, und Yaltah Menuhin, Pianistin und Schwester des  berühmten Geigers Yehudi Menuhin, die Gesellschaft arts and music gründete. Der Name war Programm: Der Bahnhof wurde zum Künstlerbahnhof, in dem Künstler aller nur denkbaren Sparten leben und arbeiteten: Maler und Bildhauer, Komponisten und Musiker, Dichter, Denker und Filmemacher lebten und arbeiteten – unter anderem auch unser Toiletten[be-]maler.

Seit dem Jahre 2000 ist der Bahnhof das Arp Museum Bahnhof Rolandseck. Sozusagen Hauskünstler sind Hans Arp, den ich sehr schätze [im Foto links eine typische Arp-Plastik], und seine Frau Sophie Taeubner-Arp, die mir bis zum Besuch des Museums gar kein Begriff war.

2007 wurde ein schneeweißer Erweiterungsbau höher am Berg und jenseits der Bahngleise eröffnet. Architekt ist der US-Amerikaner Richard Meier, dessen weiße Gebilde auch an vielen Stellen in Europa stehen, u.a. in Frankfurt [Museum für angewandte Kunst], Barcelona [Museum für zeitgenössische Kunst],  Ulm [Stadthaus], um nur einige wenige Beispiele zu nennen.

Das Foto oben zeigt nicht im Entferntesten den Zauber des Baus. Aber ich hatte, als ich es machte, gerade keinen Hubschrauber zur Hand.

Die Ausstellungshallen sind groß, das lichte Treppenhaus ist Teil des Gesamtkunstwerks, die Balkone auch. Immer wieder öffnen sich herrliche Ausblicke – auf die grüne Umwelt, auf das unten liegende Bahnhofsgebäude, auf den Nachbarsaal. Ich konnte mich kaum sattsehen – und da hatte ich noch gar nicht Arps Plastiken betrachtet.

„Schönheit gebaut aus Licht“, heißt es dazu im Hauskatalog. Ich wundere mich, dass der herrliche Bau – wie alle Bauten Meiers – auch noch nach Jahren sein Weiss bewahrt. Wenn Arp und seine Frau das Museum sehen könnten!

Ein sehenswerter, unvergesslicher Dreiklang: Die Kunstwerke, das Museum, die Landschaft der Umgebung. Von einem Balkon aus haben Besucher einen unvergesslichen Bericht auf Rhein und Siebengebirge.

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