Tagebuch: der Weise – Griechenland II

30 05 2012

Mittwoch, 30. Mai 2012

Argyris Marneros ist ein weiser Mann. Mit seinem weißen Rauschebart sieht er aus wie ein Bilderbuchgrieche, auch wenn er auf folkloristische  Accessoires seiner Kleidung wie Fransenkopftuch oder Bauchbinde verzichtet. „Ihr schickt Kunden in unser Land“, sagt er zu einer Gruppe von Reisebüroexpedienten, die auf Einladung des Reiseveranstalters TUI Griechenland bereisen, „ich empfange Gäste.“  Der 70-jährige Reiseleiter führt die Reisegruppe durch die Ruinen des Asklepions auf Kos, jener antiken Heilstätte, in der angeblich auch Hippokrates seine Ausbildung zum Arzt erhalten hat. Immer wieder antwortet er auf die gleiche Frage: „Nein, es gibt keine Deutschfeindlichkeit in Griechenland.“

Die  Furcht vor den immer wieder kolportierten Aggressionen griechischer Gastgeber gegen deutsche Gäste ist einer der Gründe, warum griechische Ziele bei deutschen Reiseveranstaltern so zögerlich gebucht werden. Noch im April lag das Minus bei 25 Prozent und darüber. Es war allerdings ein Minus auf relativ hohem Niveau: 2011 waren Griechen wie Spanier und die Türken die Krisengewinnler: Wer Tunesien und Ägypten mied, buchte häufig als Ersatz eines der drei Länder. Die Zahl der deutschen Gäste stieg in Griechenland um gut zehn Prozent. Einzelne Destinationen erlebten einen regelrechten Boom: Auf der Insel Kos, traditionell hinter Kreta und Rhodos auf Rang drei der Beliebtheitsskala deutscher Hellas-Touristen, wurden sogar 22 Prozent mehr deutsche Urlauber registriert.
Die Griechenland-Buchungen bei TUI und anderen deutschen Großveranstaltern haben in den letzten Wochen wieder angezogen. „Wir haben aufgeholt, sind aber noch nicht bei null“, umreißt  Stefan Baumert [Foto links] die Situation. Er hat bei der TUI den Posten „Director Product & Pricing Mittelstrecke“  und  hat sich intensiv mit den Faktoren befasst,  die offensichtlich die Buchungsdelle verursachen. „Die Euro-Krise schlägt nicht auf die Buchungen durch“, weiß er, „auch all die Finanz- und Politikmeldungen nicht.“ Was potenzielle Touristen verschreckt, sind Ausschreitungen „und erst recht eine brennende Deutschlandfahne“. Baumert ist wie Kollegen von Mitbewerbern überzeugt, dass diese Hemmnisse vom Tisch sind, „sobald Griechenland  wieder eine stabile Regierung hat“.
Alle rechnen mit einer Spätbucher- und Last-Minute-Welle. „Last Minute wird alles richten“, ist Gero Eden überzeigt, bei der TUI Leiter des Hoteleinkaufs Östliches Mittelmeer, aber das ist dann für Reiseveranstalter „kein Geschäft“.

Die Griechenland bereisende Expedienten-Gruppe erzählt noch von einem weiteren Buchungshindernis. „Griechenland ist einfach zu teuer“, sagt eine Reisebüro-Mitarbeiterin aus Thüringen, die in diesem Jahr erst zwei Reisen nach Griechenland verkaufen konnte. Auch wenn die griechischen Hoteliers den Veranstaltern mit Preisnachlässen von bis zu 20 Prozent entgegengekommen sind, liegen Pauschalreisen nach Griechenland bei gleichen Leistungen immer noch erheblich über den Preisen der Türkei-Arrangements; Ausnahmen bestätigen die Regel.

Weiter können Hoteliers die Kosten kaum noch senken. Steuern und Abgaben sind in den letzten Jahren nahezu inflationär gestiegen. Für Sprit und Heizöl zahlen Hotelbetreiber und natürlich auch Privatleute horrende Summen. Super-Benzin kostet 2 Euro pro Liter. „Ein anderes Beispiel“, ereifert sich Jannis, deutschsprachiger Fremdenführer auf Kos [Foto rechts] , „vor vier Jahren habe ich 400 Euro für Heizöl gezahlt und 800 Liter erhalten, in diesem Jahr bekam ich für 1.000 Euro 500 Liter.“
Auch die hohen Flugpreise tragen dazu bei, dass Hellas mit dem Nachbarn Türkei nur selten konkurrieren kann. Billigflüge sind rar. Billigcarrier haben auf Kos und Rhodos schon um finanzielle Unterstützung nachgefragt, um ihr Flugprogramm zu niedrigen Preisen durchführen zu können. Air Berlin hat „trotz der Initiativen der Reiseveranstalter und Reiseorganisationen“ (Air Berlin-Chef Hartmut Mehdorn) auf ihren Griechenland-Strecken derzeit nur ein Drittel des Aufkommens von 2010, dem Jahr vor Beginn der Griechenland-Krise. Der Carrier überlegt derzeit, ob er seinen neuen LowCost-Tarif JustFly auch auf den Hellas-Strecken einsetzt. Das würde dann für Flüge ab dem 1. Juli greifen.

Trotz der gestiegenen Abgaben scheinen die Griechen derzeit bei den Nebenkosten Maß halten zu wollen. Auf Kos und Rhodos – dort selbst in der hochfrequentierten historischen Altstadt, die zum Unesco-Weltkulturerbe zählt – finden sich Cafés und Restaurants, die einen Espresso wieder für 2,50 Euro servieren. Eine Flasche bestes Olivenöl (0,75 Liter) gibt’s schon für sieben Euro. Viele Souvenirgeschäfte stellen Ramschkörbe mit Einheitspreisen – ein, zwei oder vier Euro – vor die Tür, in denen akzeptable Souvenirs auf Käufer warten. Manches Preisschild bei T-Shirts ist mit einem deutlich niedrigeren Preis überklebt. Händler klagen dennoch über eine bemerkenswerte Zurückhaltung deutscher Urlauber beim Souvenirkauf. Ein Schmuckhändler im Hotel Atlantica Aegean Blue auf Rhodos: „Sie überlegen lange, das Geld sitzt nicht mehr so locker.“ Fremdenführer Nikos auf Rhodos, der als Grieche in Deutschland aufgewachsen ist und mit der Mentalität beider Nationen vertraut ist, hat dafür Verständnis. Aber er ist froh, dass Kreuzfahrt-Gäste schneller kaufen und vor allem mehr. „Wir wissen, dass die Ausgaben umso höher sind, desto kürzer die Gäste auf der Insel weilen.“

Dennoch seien die Deutschen bei seinen Landsleuten die liebsten Gäste, versichert Panagiotis Skordas, Direktor des Griechischen Fremdenverkehrsamtes in Frankfurt [Foto links]: „Sie sind familiär, anständig und trinken nicht viel.“ Sie haben nach seiner Erfahrung „wenig Probleme mit anderen, gehen mehr raus aus dem Hotel und haben an Land und Leuten das meiste Interesse.“ Fazit: Von Deutschfeindlichkeit ist keine Spur. Wenn auch Leute wie Jannis, der Reiseleiter, keine Gelegenheit auslassen, Verständnis für ihre Situation zu fordern.  „Es sind die Politiker und nicht das griechische Volk, die für die Krise verantwortlich sind“, klagt er. Aber er kann sich nicht verkneifen, noch einen Satz nachzuschieben: „…und die Troika.“

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