Tagebuch: ‚fantasievoll‘ rekonstruiert – Griechenland III

1 06 2012

Freitag, 1. Juni 2012

Auf Bornholm. Das Wetter ist ideal zum Fotografieren: Sonnenschein, viele Wolken, dass irrisierende, einmalige Licht der Ostsee. Heftiger Wind, oder genauer: Sturm. Ich genieße diese Recherchenreise. Viele Erinnerungen kommen hoch. Kein Wunder: kein anderer Ort außer Aachen [meine Heimatstadt] und Berlin [wo ich seit genau 40 Jahren wohne] hat in meinem Leben eine so große Rolle gespielt. Bornholm habe ich zum ersten Male vor genau 45 Jahren besucht. Zwei Reiseführer habe ich über diese Insel verfasst [davon einen mit Sabine Neumann], einen dritten habe ich überarbeitet und ‚fast neu geschrieben‘. Jetzt bin ich hier für den Tagesspiegel.

Doch davon später mehr. Noch vor zwei Wochen war ich auf Kos und Rhodos, und noch lange nicht alles habe ich erzählt. Rhodos kannte ich von ein paar Reisen, deren letzte über 20 Jahre zurück lag. Wie hat sich die Insel verändert – und das nicht zum Besten, natürlich. Die Küsten sind mit Hotels vollgepflastert. Einige der Hotels sind durchaus ansprechend, aber man muss diese Art von Urlaub-machen schon lieben, um sich hier wohlzufühlen.

Aber da sind ja immer noch die Orte Lindos und die Altstadt von Rhodos-Stadt. Eine zehn Kilometer lange Festungsmauer umgibt die Altstadt, die zum Unesco-Weltkulturerbe gehört. In ihr spiegelt sich die wechselhafte Geschichte der Insel wieder: Sitz des Johanniterordens, nach dessen Vertreibung [nach Malta] 1530 bis 1920 osmanisch, dann bis 1947 italienisch [dabei von 1943 bis Kriegsende von deutschen Soldaten besetzt], ab 1948 erst griechisch. Ein türkisches Viertel, jüdische Relikte, das alles gibt es in der Altstadt. Versteckt liegen mährchenhafte Gartencafés und sehr schöne, stilechte Restaurants. Wer ein gutes erwischt, wird nie mehr über griechisches Essen lästern – denn mit traditioneller griechischer Küche hat der Touristenfraß in vielen Hotels nichts zu tun, wohl aber das, was in einigen Altstadt-Restaurants serviert wird.

In der Sokrates-Straße liegt ein Touristenladen neben dem anderen, aber in der Altstadt liegt auch noch manche fast verwunschene Gasse. In einigen kommt das Gefühl auf, als trottete ein Schar von Rittern in voller Rüstung klappernd über das Kopfsteinpflaster. Damit bin ich beim Thema: So wie die Italiener Ende der 30-ger Jahre des vorigen Jahrhunderts so manche Kreuzritter-Herberge und vor allem den Großmeisterpalast restauriert haben, haben sie mit Gewissheit früher nicht ausgesehen – Unesoco-Welterbe hin, Unesco-Welterbe her.  Nicht die Fantasie ist den [Wiederauf-]Baumeistern durchgegangen, sondern der Geist des Faschismus umwehte ihre Pläne. Wer genau hinschaut, sieht die Fehler, die gemacht wurden. Nicht genau sollte die Rekonstruktion sein, sondern bombastisch. Schließich sollte der Großmeisterpalast Mussolini als Residenz dienen.

Szenenwechsel. Lindos ist eines der schönsten Städtchen Griechenlands. Die schneeweißen Häuser, darunter die prächtigen „Kapitänshäuser“ sind ein begehrtes Fotomotiv. In der Hochsaison ist die Stadt mit ihren engen Gassen, den vielen Cafés und Restaurants und den unzähligen Souvenirgeschäften hoffnungslos überfüllt.

Zu Fuß oder per Esel geht es hinauf auf die Akropolis. Dort wurde in den letzten Jahren fleißig wieder aufgebaut. Jetzt sind ganze Säulenreihen zu sehen, Besucher können sich die Tempelbauten jetzt ganz gut vorstellen. Nur: Das meiste von dem, was hier zu sehen ist, kann man nicht als „echt“ bezeichnen – es ist mit modernen Materialien rekonstruiert worden. Dagegen wäre nichtrs zu sagen, wenn die Archäologen Maß gehalten hätten. Noch nie habe ich in Griechenland eine so weitgehende Rekonstruktion griechisch-antiker Monumente gesehen. Normalerweise muss mindestens ein Drittel original sein.

Das tut dem Erlebnis allerdings kaum Abbruch: Der Eindruck ist überwältigend. Lindos muss man einfach gesehen haben, und die Altstadt von Rhodos-Stadt ebenfalls.

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