Tagebuch: Die Geschichte von Werner Levano – Bornholm I

4 06 2012

Montag, 4. Juni 2012

Werner Levano hieß ein Freund von mir, dem ich viel verdanke. In langen Gesprächen hat er in mir den Entschluss reifen lassen, Journalist zu werden. Und ich verdanke ihm meine Bekanntschaft mit der Insel Bornhol. Das ist genau 45 Jahre her. Damals besuchte ich mit Werner & Frau & Tochter zum ersten Male die dänische Ostseeinsel, die seitdem in meinem Leben eine große Rolle spielt. In meinem ersten Bornholm-Buch, vor 24 Jahren im DuMont-Verlag in der Reihe „Richtig reisen“ erschienen, habe ich ihm ein Kapitel gewidmet.

Hier ein paar Auszüge. Obwohl das ein eher trauriges Kapitel ist, schmücke ich es mit eher ‚fröhlichen‘ Bildern, die ich jetzt auf meiner Recherchenreise auf Bornholm gemacht habe. Gestern bin ich zurückgekehrt.

Der Mann, der Werner Levano an der Nachtfähre in Rönne erwartete, trug Smoking und lehnte gegen einen Achtzylinder-Hudson. So hatte sich der junge Jude, der gerade dem Konzentrationslager Dachau entkommen war, seinen künftigen Arbeitgeber nicht vorgestellt. Wie seine 20 Schicksalsgenossen sollte er auf einem Bauernhof arbeiten, und deshalb hatte er nach einem rustikal gekleideten Mann in Gummistiefeln Ausschau gehalten. Für den Bauern August Olsen war es dagegen eine Selbstverständlichkeit, seine neue Hilfskraft nach einer durchfeierten Nacht in diesem Aufzug in Empfang zu nehmen. Auf dem Holländergaard lernte Werner Levano August Olsen dann anders kennen – „mit den ältesten Klamotten an der Jauchepumpe“. Zwei Jahre lang, vom Frühjahr 1939 bis zum Frühjahr 1941, sollte der Hof sein neues Zuhause sein.

Die geheimnisvollen Bautasteine von Louisenlund

Seine eigentliche Heimat war Aachen. Dort wurde Werner Levano am 3. Oktober 1917 als Kind einer jüdischen Familie geboren. Seine Eltern, so sagt er, „haben sich stets als Deutsche empfunden“, erst der Antisemitismus der Nationalsozialisten habe in der Familie „das Judentum entfacht“. Wie vielen Jugendlichen seines Alters erschien auch Werner Levano der Zionismus als rettende Antwort auf die drängende Frage, wie man der Bedrohung entfliehen könne: „Unser Ideal war, in Palästina eine Gesellschaftsordnung zu schaffen, in der soziale Gerechtigkeit galt.“ Er schloß sich der Organisation „Der Pionier“ an, die von Palästina aus organisiert wurde. Sie diente dem Zweck, junge Menschen durch solide Ausbildung in Landwirtschaft und Handwerk auf ein neues Leben in Palästina vorzubereiten. Nach dem Besuch der Gartenbauschule bei Hannover zog Werner Levano 1937 in ein Pionier-Vorbereitungszen trum in Süddeutschland, wo 30 bis 40 junge Leute wie in einem Kibbuz lebten. Dort wurden am 9. November 1938 alle Männer vom Arbeitsplatz weg verhaftet und nach Dachau transportiert. Es war wieder der Organisation Der Pionier zu verdanken,
daß sie dort nur fünf Wochen verbringen mußten, denn sie verfolgte die Strategie, alle zur Verfügung stehenden Mittel einzusetzen, um jene Juden ins Ausland zu bringen, die irgend wann einmal von der Organisation erfaßt worden waren. Eine dänische Pionier-Zentrale, von Frankreich und England unterhalten, kümmerte sich um die Gruppe junger Juden im KZ Dachau und erreichte auf ganz legalem Weg die Freilassung. Sie setzte durch, daß die Gruppe von dem Abkommen zwischen Deutschland und Dänemark profitieren konnte, das einen Austausch landwirtschaftlicher Schüler vorsah. Die Einreiseerlaubnis nach Dänemark war streng an den Arbeitsplatz gebunden und mit dem Vermerk versehen: „Unbezahlter landwirtschaftlicher Schüler“- für Werner Levano „eine Art Stillhalteabkommen beider Seiten“. Denn jedermann wußte, daß die Austauschschüler später nach Palästina gebracht werden sollten.

Die Österlars-Kirche – eine der vier berühmten Rundkirchen der Insel

Die Entlassung aus dem KZ, die Auflösung der Kommune, die Rückkehr an den Heimatort und das Packen der Auswanderungskiste unter Aufsicht der Gestapo waren die Stationen der Geretteten, bevor sie sich auf den Weg nach Berlin machten. Dort unterhielt die -Pioniere-Organisation in der Meineckestraße Nr. 10 eine Zentrale, in der ausländische Juden unbehelligt arbeiteten. Sie brachte die Austauschschüler im Februar 1939 auf den Weg nach Dänemark. Auch auf Bornholm wurde die Gruppe von der Organisation weiter betreut. Sie besorgte Fahrräder und mietete im Wald bei Rö ein kleines Haus, das den Deutschen, von denen die meisten bei Bauern und einige wenige bei Fischern untergekommen waren, als Treffpunkt diente.

Seinen Arbeitgeber August Olsen lernte Werner Levano als „echten Patriarchen kennen, der sich durch Gradlinigkeit und Rechtschaffenheit auszeichnete, aber leider nicht durch Freigebigkeit“. Denn abgesehen von einem kleinen Taschengeld bestand er auf Erfüllung des Vertrages, der unbezahlte Arbeit vorsah. Auf der anderen Seite wurde der Austauschschüler wie die anderen Bediensteten des Bauern von Anfang an als ein Mitglied der Familie behandelt. Es gab auf dem Hof keine gesellschaftlichen Abstufungen, was sich auch in Kleinigkeiten äußerte. August Olsen hatte geflaggt, als Werner Levano eintraf, und hißte auch die Fahne, wenn ein Knecht Geburtstag hatte.

Bei der Arbeit gab es ebenfalls keine Sonderbehandlung. Der Bauer hielt 50 Schweine und 25 Milchkühe, und Werner Levano mußte Schweine füttern und morgens um 5 Uhr die Kühe melken, im Sommer auf der Weide, im Winter im Stall. Am liebsten war ihm die Arbeit hinter dem Pflug, denn sie vermittelte ein „unwahrscheinliches Erfolgserlebnis“. Mit einer Tatsache mußte sich Werner Levano, der sehr schnell Dänisch lernte, abfinden: „Ich galt plötzlich auf Bornholm nicht mehr als Jude, sondern als Deutscher.“ Und denen begegnete man mit Reserve, wenn nicht gar mit Mißtrauen. Von der Besetzung Bornholms durch die deutschen Truppen am 10. April 1940, einen Tag später als im übrigen Dänemark, hat Werner Levano nicht viel gemerkt [gekürzt]: Das einzige, was Werner Levano auf der Insel vom Krieg bemerkte, war das Kriegsschiff „Gneisenau“, das er auf dem Weg nach Brest an der Insel vorbeifahren sah. Doch „allmählich kam das Bewußtstein auf, daß man in der Falle saß, wenn es irgendwo knallte“. Mitte Mai 1941 sorgte die Pionier-Organisation für eine Umschreibung der Arbeitsgenehmigungen, und die deutschen landwirtschaftlichen Helfer siedelten nach Seeland um.

Nur noch selten zu sehen: die weiß-roten Begrenzungssteine

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