Tagebuch: Glass from the Heart – Bornholm II

6 06 2012

Mittwoch, 6. Juni 2012

„Glass from the Heart“ steht auf einem Plakat, das in der Diele meiner Wohnung hängt. Es zeigt die Bornholmer Glasbläser Pete Hunner und Maibritt Friis Jönsson, Freunde von mir. Ich habe sie jetzt auf Bornholm wieder getroffen. Vor ihrem Studio hängt ein riesengroßes Bild, das dem Plakat in meiner Wohnung gleicht.

Mit Pete & Maibritt verbindet mich eine eigene Geschichte. Wir kennen uns seit über 30 Jahren. Einmal habe ich auf Bornholm geheiratet – in der Glashütte des Paares. Das ist jetzt [fast] 19 Jahre her. Zur Hochzeit reisten viele Verwandte und Freunde an, und wir verbrachten das Hochzeitsfest mit elf kleinen Kindern. Und kein Stück Glas ging dabei zu Bruch. Die Erklärung ist ganz einfach: Wir folgten Petes Rat – „sich einfach nicht um die Kinder kümmern…“

In meinem „Bornholm“-Buch [DuMont-Reihe „Richtig reisen“] habe ich dem Paar ein Kapitel gewidmet. Hier ein Auszug:

Für Pete Hunner käme Arbeit im stillen Kämmerlein nicht in Frage. Er und Maibritt Friis Jönsson, Partnerin in Privatleben und Beruf, lieben das Publikum bei der Arbeit. Beide haben die Insel Bornholm in ihr Herz geschlossen, die sie inspiriert – „das brillante Licht, der Himmel und das ewig wechselnde Wetter, die Uferfelsen und ihre Reflexionen im Meer“. Maibritt Friis Jönsson ist Dänin, Pete Hunner kommt aus den USA. Dort aber habe er wegen der Tätigkeit seines Vaters bei der US-Air Force, die mit häufigen Ortswechseln verbunden war, kein Heimatgefühl entwickeln können. Erst später in Dänemark habe er begonnen, Wurzeln zu schlagen, sagt er.

1976 besuchte er die Fachschule für Angewandte Kunst in Kopenhagen und machte ein Jahr später seine ersten Erfahrungen mit den faszinierenden Eigenschaften geschmolzenen Glases. „Die Arbeit mit Glas entspricht meinem Temperament mehr als die Herstellung von Keramik, da nahezu drei Wochen vom Abteilen der Tonmasse bis zum endgültigen Resultat vergehen, während der Arbeitsablauf beim Glas eine Frage von Stunden ist. Zudem könne bei der Arbeit mit Ton die Entwicklung eines neuen Produktes bis zu drei Monaten dauern, aber „dasselbe kann mit Glas an einem Tag gelingen“.

Die Möglichkeit zur Spontaneität wird mit einem teuren Nachteil erkauft. Der Schmelzofen muss 24 Stunden in Betrieb gehalten werden, und dies zehn Monate im Jahr bei einer Temperatur von 11800 C . In ihrer Glashütte bei 0stermarie, dem ersten eigenen Studio, verbrauchen Maibritt und Pete 40 Gasflaschen im Monat, eine jede 30 kg schwer. Wenn der gut isolierte Schmelzofen geschlossen bleibt, kann man ihn billiger betreiben; teurer wird es, wenn Glas geblasen wird. Das Paar produziert sechs Stunden am Tag. „So stehe ich“, sagt Pete Hunner, „unter einem wirtschaftlichen und psychologischen Druck, über den ich mir nicht im klaren war, als ich mit der Glasherstellung begann.“

Die Snogebæk Glashytte war übrigens die erste Station, als Pete Hunner 1979 nach Bornholm kam. Hier arbeitete er gemeinsam mit einem amerikanischen Freund für den damaligen Besitzer des Glasstudios. „Im Winter mieteten wir dann die Werkstatt, um unsere eigenen Ideen zu verwirklichen und für Ausstellungen zu produzieren“, erinnert sich Pete Hunner an diese Zeit, „da wir ohne wirtschaftliche Sorgen waren, erlebten Phantasie und Kreativität einen ungeahnten Aufschwung.“ Die Glasbläser nahmen an Ausstellungen in Japan, England, Deutschland, Schottland, Schweden und in den USA teil. Auf ungezähle Ausstellungen haben es Pete und Maibritt mittlerweile gebracht, und ihre Werke wurden von zahlreichen Museen angekauft, unter anderem vom Kunstgewerbemuseum Berlin. Das erste Glasobjekt, das in der eigenen Werkstatt auf Bornholm entstand, wird in Bornholms Kunstmuseum gezeigt – eine einfache, klare Schüssel mit wenig blauem Dekor und einem blauen Rand.

Nach einem Intermezzo als Lehrer für Glaskunst an der Kunsthandwerkerschule in Kolding kehrte Pete Hunner mit Maibritt Friis Jönsson, die er schon beim Studium in Kopenhagen kennengelernt hatte, nach Bornholm zurück. Als das Paar in das neu erworbene Haus außerhalb von 0stermarie einzog, setzte ihm der Dorfschmied eine Windrose aufs Dach, die einen Glasbläser zeigt – „niemand sollte daran zweifeln, was
in diesem Haus geschieht“, lacht Pete Hunner.

Eine Mitarbeiterin im Studio von Baltic Sea Glass

Längst geschieht dort nichts mehr, denn der Schmelzofen Autumla – benannt nach der Mutter des Götterkönigs Odin, die aus Erde und Feuer geschaffen worden ist – steht seit über 20 Jahren in einer ehemaligen Hühnerfarm bei Gudhjem.

Das umgestaltete lichtdurchflutete Gebäude bietet jetzt auch Helfern, Besuchern und einer großen Verkaufsschau ausreichend Platz. Mit Autumlas Hilfe haben sich Pete und Maibritt ihre erfolgreiche Produktion von „Baltic Sea Glass“ aufgebaut, die ausgesprochen exportorientiert ist.

Anregungen für die Farben und Farbkombinationen erhalten Pete und Maibritt beim Blick aus dem Fenster: „Das trockene Gelb eines ab geernteten Weizenfeldes, daneben eine Wiese mit frischem Grün, auf die ein Sonnenstrahl fällt, der seinen Weg durch das dunkle Blaugrau des Himmels gefunden hat, und nicht zuletzt die Sonnenuntergänge mit ihrem Zusammenspiel kühler und feuriger Farben …“

Pete & Maibritt

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: