Tagebuch: in den Arm gekniffen – Montenegro II

16 06 2012

Samstag, 16. Juni 2012

Immer wieder habe ich auf der Montenegro-Reise, die vergangenen Mittwoch zuende ging, eine Kollegin gebeten, mir in den Arm zu kneifen. Sie kennen das doch, oder: Man erlebt etwas so Schönes, Interessantes oder auch Unvorstellbares, dass man zu träumen glaubt. Der Kniff in den Arm soll beweisen, dass das alles Realität ist. So viele Bausünden es an der Küste gibt: Die Altstädte und auch das Hinterland Monteenegros sind so manchen Kniff wert. Hier kann ich nur ein paar Beispiele nennen:

Auf knapp drei Kilometern führt ein Wander- oder besser: Spazierweg um einen See im Nationalpark Biogradska Gora. Berge und grüne Almenim Hintergrund, lauschige Plätze zum Verschnaufen [schließlich war ich ja nicht mit meiner Liebsten unterwegs, sondern mit – durchaus netten – Kolleginnen und Kollegen], hölzerne Pfade über sumpfigem Gebiet. Kurz: Idylle in Hülle und Fülle. Kneif mich mal, habe ich zu einer Kollegin gesagt…

See im Nationalpark Biogradska Gora

Eine Idylle ganz anderer Art ist der Ort Perast – zumindest von weitem, übrigens eines der begehrtesten Fotomotive in Montenegro. Kein Wunder, dass auf der Uferpromenade Malerinnen und Maler stehen, um das Idyll auf Leinwand zu bannen. Vor gut 20 Jahren habe ich über zwei Jahre an einem Reiseführer über „Jugoslawische Küsten und Inseln“ gearbeitet. Er war zu 90 Prozent fertig, als der Krieg kam. Aus Montenegro zurückgekehrt, habe ich im Archiv nach den alten Manuskripten gesucht und sie gefunden. Das hier habe ich vor gut 20 Jahren über Perast geschrieben:

Als Stadt der Schiffbauer und Seefahrer erlangte Perast im 17. und 18. Jh. Ruhm. Die hundert Segler starke Flotte kreuzte im ganzen Mittelmeerraum und sogar in der Ostsee. Zar Peter der Große ließ seine Kadetten in der nautischen Schule ausbilden, die in Perast 1698 von Kapitän Marko Martinovic gegründet wurde. Marija Zmajevic, ein anderer Kapitän aus Perast, baute die Ostseeflotte des Zaren auf und verhalf ihm 1714 als Admiral der baltischen Flotte in der Seeschlacht von Hangö zu einem Sieg über die Schweden. Der Zar schenkte ihm als Erinnerung die Kriegsflagge, die heute im Marinemuseum zu sehen ist, dem Gebäude der früheren nautischen Schule. Dieses Gebäude wurde beim Erdbeben von 1979 ebenso schwer beschädigt wie der direkt am Meer liegende Palast der Familie Bujovic, ein dreistöckiger Barockbau aus dem Jahre 1694, der das Heimatmuseum beherbergt. Vom Reichtum der Peraster Schiffsbauer, Reeder und Kapitäne zeugen auch zahlreiche andere Palais und Paläste, darunter der später als Bischöfliche Palais dienende Palast der Familie Zmajevic mit einem besonders prächtigen barocken Eingang.

Schon vor dem Erdbeben, dem zahlreiche Barock- und Renaissancebauten ganz oder teilweise zum Opfer fielen, war die komplett unter Denkmalschutz gestellte Stadt Perast eine Geisterstadt, in der nur noch wenige Menschen leben. Es gibt zwar ein paar Läden, Restaurants und Cafes an schönen Plätzen, aber viele der Wohnhäuser stehen leer. Starke Schäden hat das Erdbeben auch in dem Gassen- und Treppengewirr des an den Hang gebauten Ortes angerichtet, so manche Treppenstufe wird seitdem durch Eisenhaken zusammengehalten.

Die venezianische Festung Sveti Kriz (Heiligkreuz) über der Stadt aus dem 17. Jh. ist allerdings schon seit Jahrhunderten eine Ruine. Sehenswert sind die kleine Schatzkammer mit reichen Gold- und Silberarbeiten und vielen Reliquien und ein schönes Taufbecken aus Samtstein in der Nikolauskirche. Sie wurde im 15. Jh. erbaut, der Kirchturm aber erst 1691 fertiggestellt. Niemals vollendet wurde eine neue Pfarrkirche, mit deren Bau 1740 begonnen worden ist. Nur der achteckige Glockenturm, stolze 55 Meter hoch, wurde fertiggestellt.

Perast

Arnold Böcklin soll die vor Perast liegendev Insel Sveti Juraj [St. Georg] , die malerisch in der Bucht von Kotor liegt, als Vorlage zu seinem Gemälde „Die Totelinsel“ verwendet haben. Das ist gar nicht so abwegig, denn in einem bestimmten Licht sieht die Insel mit der von Zypressen umrahmen Ruine eines Benediktinerklosters aus dem 12. Jh. wirklich geheimnisvoll aus:

Sveti Juraj [„Toteninsel“]

Porto Montenegro heißt eine Neue Marina bei Tivat, die 225 Luxusjachten Platz bietet. Kaum fertig, wird sie schon erweitert. Belebt wird die Marina mit eigener Zoll- und Passstelle durch Geschäfte und Häusern mit teuren Privatwohnungen. Ein Regent-Hotel ist in Bau. Und da gibt es einen Club mit Pool und allem drum und dran. Die Sonne geht genau in dem Rahmen unter, der den Pool überspannt. Zum Kneifen!

Das Ding mit dem Sonnenuntergang in Porto Montenegro

Ich mache eine lange Geschichte kurz: Die Insel Sveti Stefan ist zum Kneifen schön. Einst wehrhaftes Fischerdorf, dann gehobenes Hotel, jetzt absolutes Luxushotel mit absoluten Spitzenpreisen. Und trotzdem schön, bildschön. In dem DuMont-Buch, das nie erschienen  ist, habe ich der Insel ein eigenes Kapitel gewidmet. Ich muss das Manuskript nur noch wiederfinden.

Sveti Stefan

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