Tagebuch: Visabeschaffer

9 07 2012

Montag, 9. Juli 2012

An jedem Werktag setzt sich Jörg Wiese in sein Auto und klappert in der Hauptstadt möglichst viele Botschaften ab. Seine vier Mitarbeiter tun das gleiche. Wiese ist Chef des Unternehmens Visa-Wie?, das Touristen, Geschäftsreisenden, aber auch Reisebüros und Reiseveranstaltern zu Reisevisa verhilft. „Die Botschaften sind bei dieser Arbeit meist kooperativ“, weiß Wiese aus 20-jähriger Erfahrung. Einige richten sogar Extraschalter für Visadienste ein. Denn von der Arbeit solcher Dienstleister profitieren beide Seiten: Für Reisende haben Visadienste den Vorteil, dass sie Zeit sparen und nicht zur nächsten konsularischen Vertretung reisen müssen.

Der Experte Jörg Wiese ist denn auch mein Hauptinformant, wenn ich mal wieder das Thema Visadienste bearbeite. Gerade ist ein entsprechender Artikel in der Zeitschrift Clever reisen [Foto] erschienen. Wiese verrät interessante Details: Wer nach Algerien reisen will, muss beispielsweise den Visum-Antrag sehr sauber ausfüllen. Zwei verschiedene Handschriften werden ebenso wenig akzeptiert wie das Ausfüllen mit zwei verschiedenen Kugelschreibern. Indien verlangt, dass dem Antrag zwei Fotos im US-Format beigelegt werden – zweimal zwei Inches groß, also etwa fünf mal fünf Zentimeter. Diese Fotos dürfen nicht geometrisch sein. Wer vor seiner Indienreise falsche Fotos vorlegt, wird von Wiese erst mal zum Fotografen geschickt. „Die Inder fragen beim Visaantrag auch nach dem Namen des Vaters, das wird oft nicht ausgefüllt“, nennt Wiese ein weiteres Beispiel, „bei einigen Ländern werden auch Impfungen verlangt.“

Für Wiese und Mitbewerber gibt es „einfache“ Länder und „komplizierte“. Zu den unkomplizierten zählen Kambodscha, die Mongolei, Usbekistan, Laos, Vietnam und Tansania.  Das Sorgenkind heißt China. „Seit vier oder fünf Monaten gibt es ständig neue Vorschriften“, klagt der Visabeschaffer, „heute gehen wir doppelt oder dreifach zur Botschaft.“ Davor war die Formel einfach: Antrag – Bild – Visum, Wartezeit bei der Abholung: eine Minute. Wiese: „Heute fordern die Chinesen mal eine Flugbestätigung für den Hin- und Rückflug oder den Weiterflug, mal eine Quartierbuchung für die gesamte Reisezeit.“ Wer über einen Reiseveranstalter bucht, muss dem Antrag eine Hin- und Rückflugbescheinigung beilegen, die Buchungsbestätigung und das Reiseprogramm. Wiese empfiehlt „allen Individualreisenden, dem Antrag ein nettes Begleitschreiben beizulegen“ – so in der Art: „Ich möchte unbedingt die chinesische Mauer sehen…“ Kürzlich haben sich die Chinesen eine weitere Verschärfung einfallen lassen: Der Antrag darf nur im „zuständigen“ Konsulat eingereicht werden – also je nach Wohnsitz in Berlin, Hamburg, Frankfurt oder München.

Sorgenkind für Visabeschaffer: China

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