Tagebuch: der Nicht-Skandal

10 07 2012

Dienstag, 10. Juli 2012

Als das Wort „skandalös“ fiel, reagierte der Pressesprecher der DB unwirsch. Das sei doch wohl ein zu starker Ausdruck.

Ich finde ihn passend. Der Fall: Da sollte am gestrigen Montag ein IC von Berlin nach München fahren. Der Bahnsteig im Berliner Hauptbahnhof war proppenvoll: Ferienzeit! Radfahrer, ältere Menschen mit Rollator, junge Eltern mit Kinderwagen, Rollstuhlfahrer und Familien, Familien, Familien. Darunter eine Mutter mit fünfjähriger Tochter und schwerem Gepäck: Katzentransportbox, großer Trolley, große Reisetasche, ein kleiner Trolley für die Tochter.  Ich hatte versprochen, Mutter und Tochter mitsamt Gepäck zu helfen, in das vorbestellte Mutter & Kind-Abteil zu gelangen.

Es gibt Versprechen, die ein Mann nicht halten kann. Dieses war so eins. Denn auf  dem Bahnsteig erfuhren wir per Lautsprecher, dass der IC „mit verkürzter Wagenfolge“ fahren sollte. Damit waren alle Reservierungen perdu. Es gab auch kein Mutter & Kind-Abteil. Eine Bahnbedienstete beschied uns, jeder müsse sich halt einen Platz suchen. Ansonsten wisse sie auch nichts. Das wunderte mich nicht.

Der Zug rollte ein, und das Chaos begann. Mit Mühe und Not fanden wir für Mutter und Kind ein Plätzchen, die Gepäckstücke versperrten anderen den Weg, wie auch unser Weg durch Gepäckstücke versperrt wurde. Abschiedsküsschen und raus aus dem Chaos, aber wie? Mir kam ein unglücklicher Rollstuhlfahrer entgegen, ich musste mich an einem Paar mit Kinderwagen vorbeidrängen, das Kind wurde wach und schrie erbärmlich, nachdrängende Passagiere fluchten, ich verhedderte mich in Schritthöhe mit einem Rollator, was mir ziemlich wehtat…

Als ich es endlich schaffte, den Zug zu verlassen, sah ich auf dem Bahnsteig drei [drei!] Bahnfrauen, die munter miteinander schnatterten – und im Traum nicht daran dachten, den Passagieren , immerhin ihren Kunden, beim Einsteigen zu helfen.

Ich nenne das einen Skandal. Die Normallänge des Zuges hätte zwei Loks erfordert, wurde mir heute gesagt. Und eine war kaputt. Kein Ersatz da. Und das in der Ferienzeit. Und wenn so etwas schon mal passiert [wofür ich doofer Laie und Nicht-Bahn-Mitarbeiter kein Verständnis habe], warum eilen nicht ein halbes Dutzend Mitarbeiter der Bahn herbei – und zwar geschulte und freundliche , um den betroffenen Passagieren zu helfen? Und warum haben die drei anwesenden Damen nicht geholfen?

Kein Skandal?

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