Tagebuch: Stalin im Kumu – Estland II

5 09 2012

Es gibt Pressereisen, nach denen wir Teilnehmer gar nicht so recht wissen, was wir schreiben sollen. Das ist eine Qual. Bei der Reise, die vier Kollegen und mich vom 30. August bis zum gestrigen 3. September nach Estland führte, in die Hauptstadt Tallinn und in den Lahemaa Nationalpark, war’s genau umgekehrt: Stoff zuhauf. Was muss unbedingt erwähnt werden – und was darf vielleicht von all den interessanten Aspekten unberücksichtigt bleiben, weil es zu viel zu erzählen gibt? Das zu entscheiden ist auch eine Qual, aber die für jeden Journalisten reizvolle Qual der Wahl. Also werde ich hier noch so manche Tagebuch-Notiz zu Estland posten.

Das Kumu

Vier „Musts“ gibt es in Tallin [mindestens]: die Altstadt, das neue Meeresmuseum, den wieder eröffneten Fernsehturm und das Kunstmuseum. Das „Kunstimuuseum“, kurz Kumu genannt, ist ein sechs Jahre alter, architektonisch immer wieder überraschender Neubau. Ein Besuch lohnt sich also auch für den, der sich von Gemälden an der Wand nicht angezogen und angesprochen fühlt.

Die Gemälde – nun ja, die großen Niederländer oder die Impressionisten, die Expressionisten und die großen Maler der klassischen Moderne findet man hier nicht. Es ist weniger ‚bedeutsame‘ Kunst der baltischen Länder, die das Museum trägt. Hochinteressant aber ist die große Sammlung des Hauses aus der Zeit, in der Estland zur Sowjetunion gehörte, also von 1940 bis 1991. Da sind Werke des typischen Sowjetischen Realismus zu sehen: Lenin im Profil mit starrem Blick geradeaus, Stalin als gütiger Landesvater, Werktätige in heroischer Position. Aber faszinierender sind Werke aus sowjetischer Zeit, die der herrschenden Kunstdoktrin nicht entsprachen, die also verboten waren und mit denen die Künstler ihre Freiheit oder gar ihr Leben riskierten. Anklänge an westliche Popart beispielsweise , so etwas hätte der Maler niemals zeigen dürfen. Es ist das Verdienst der Museumksleute, solche Werke nach dem Verschwinden des Eisernen Vorhangs schnell und systematisch gesammelt zu haben.

Heimlich gemalt, jahrelang versteckt…

Manchmal schlich sich die Kritik an den herrschenden Verhältnissen durch die Hintertür ein. So hängt im Kumu ein ganz ‚harmloses‘ Bild, das Menschen in der Sauna zeigt; die Malerin oder den Maler habe ich mir nicht hat gemerkt. Rechts im Bild sitzen drei Frauen – die typischen Aufpasser jener Zeit, die es überall gab und die darauf achteten, dass nichts Unrechtes geschah. Die Personen, die sich vor ihren wachsamen Augen umziehen, trugen rosa Unterwäsche, stalinistische Unterwäsche sozusagen – „es gab keine andere in dieser Zeit“, sagte unsere junge Führerin durch das Museum. Ein harmloses Bild, und doch voller Brisanz.

 

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