Tagebuch: der Allroundkünstler – Wiechlice IV

8 11 2012

Donnerstag, 8. November 2012

Nur drei Tage, An- und Abreise mitgerechnet, war ich im polnischen Örtchen Wiechlice – und habe so viel erlebt wie sonst kaum in einer Woche. Das lag ohne Zweifel an Zbigniew Czmuda, dem Schlossherrn von Palace Wiechlice [s. Tagebucheintrag „der Sammler – Wiechlice II“ vom 31. Oktober]. Nicht nur, dass er das Schloss perfekt sanierte und gerade Tagungs- und Schwimmhalle ausbaut. Er weiß auch lustig und selbstironisch aus seinem spannenden Leben zu erzählen. Und er sammelt alles, was ihm in die Finger kommt, und zeigt das gerne her: alte Bleistifte und kostbare Füllfederhalter, landwirtschaftliche Geräte wie einen Dreschflegel und, schon erwähnt, Teppiche.

Auf diesem Foto zeigt er mir seine Sammlung alter Stiche aus Wiechlice und Umgebung. Und was ist rechts unten zu sehen? Seine Sammlung von Weinkorken…

Zbigniew „sammelt“ auch Kontakte, Menschen. Und so musste er meinem Freund und Kollegen Peter Becker, mit dem ich in Wiechlice war, unbedingt Bogdan Nowak vorstellen. Bogdan, auch so ein Tausendsassa, betreibt in Boleslawiec [Bunzlau] das Hotel Villa Ambasada. Es hat nur zwölf im Stil französischer Boudoirs eingerichtete Zimmer. Das kleine Hotel ist in einem der großen, für Bunzlau typischen Bürgerhäuser des 19. Jahrhunderts untergebracht.

Vor dem prächtigen Gebäude stehen zwei aus Metall geformte Statuen. Die eine stellt Martin Opitz dar. Martin wer? Schnell gegoogelt: Martin Opitz von Boberfeld (* 23. Dezember 1597 in Bunzlau; † 20. August 1639 in Danzig) war der Begründer der Schlesischen Dichterschule und ein bedeutender deutscher Dichter des Barock.

Bogdan Nowak, der den Dichter sehr verehrt, hat diese Statue ebenso geschaffen wie die mächtige Frauenstatue neben der Villa, „in Anlehnung an die ‚Freiheit auf den Barrikaden‘ von Delacroix“, wie er sagt. Das berühmte, 1830 von Eugène Delacroix geschaffene Gemälde hängt im Louvre; es trägt eigentlich den bei uns weniger bekannten Titel La Liberté guidant le peuple, Die Freiheit führt das Volk. Dass Bogdan dieses Motiv für die Monumentalplastik gewählt hat, liegt auf der Hand: Die Villa Ambasada liegt in der ul. Komuny Paryskiej, der Straße der Pariser Kommune, die einst zu den schönsten Straßen der Stadt zählte.

So ist es nur folgerichtig, dass das im Souterrain liegende Restaurant Piwnica Paryska heißt, „Pariser Keller”. Das Restaurant ist ein Gewirr aus ineinander verschachtelten, urigen Räumen, die mit vielen, vielen Fotos und Pariser Straßenschildern dekoriert sind. Spezialität der Küche ist Pariser Stroganow, Lendenbraten mit Steinpilzen, Leśny Talerz [Waldplatte] und Pfannkuchen mit weißem Schokoladenguss.

Piwnica Paryska ist auch für den leckeren Kaffee bekannt, „die Stammkunden kommen bis zu dreimal täglich, um den Kaffee zu genießen“ [Bogdan]. Viele in Polen und über Polen hinaus bekannte Künstler und auch, das ist Bogdan ganz wichtig, Nachwuchskünstler treten im Pariser Keller auf. Jeden Donnerstag treffen sich im Pariser Keller die Bunzlauer Frankophonen. Dann treten Bogdans französische Freunde Lidia und Joel Beucher mit Chansons von Jacques Brel, Edith Piaf und Joe Dassin auf. Das Paar ist polyglott: Lidia und Joel singen nicht nur als Französisch und Polnisch, sondern auch auf Englisch, Spanisch, Italienisch, Rumänisch.

Auffallend viele Plakate und Fotos im Pariser Keller sind dem Pantomimen Marcel Marceau gewidmet, der als Bip – Ringelhemd, weiß geschminktes Gesicht, zerbeulter Seidenhut und rote Blume – berühmt und unsterblich wurde. Von 1972 bis 1997 war Bogdan Nowak sein Assistent. Pantomime ist für Bogdan „das Besiegen von Barrieren, die Kunst des Selbstentdeckens und die Kunst des Wiederfindens der Harmonie mit der umgebenden Welt“.

Bogdan ist auch Initiator eines wohl weltweit einzigartigen Festes: Am dritten Samstag im August bestreichen einige Hundert Einwohner der Stadt und Touristen aus aller Welt ihre Körper mit flüssiger Keramikmasse und ziehen als weiße Gestalten durch die Strassen der Stadt. Die Teilnehmer erinnern auf diese Weise daran, dass Bunzlau seit dem 16. Jahrhundert für Lehmgewinnung und Keramikproduktion weltbekannt ist.

Bogdan macht noch mehr. Er ist Gründer der Organisation Via Sudetica, benannt nach einem Seitenstrang des Jakobswegs, der durch diese Gegend führt. Zur Via Sudetica haben sich 30 Leute der Stadt zusammen geschlossen, Töpfer, Restaurant- und Hotelbesitzer, freie Künstler. Sie alle wollen die wechselhafte Geschichte der Region wieder lebendig werden lassen. Den „die Leute wollen nichts von Geschichte wissen“, wie Bogdan Nowak bedauert, der Tausendsassa.

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