Tagebuch: unvergessen!

9 11 2012

Freitag, 9. November

Vorgezogener Martinsumzug: Mit Musik und Lampions und lauthals und voller Inbrunst singend zog heute die Kinder- und Elternschar an meiner Wohnung vorbei. Gerührt stand ich auf dem Balkon und dachte an all die Jahre, in denen ich mit meinen Kindern auf St. Martins Spuren um die Häuser gezogen bin. Vor zwei Jahren habe ich mit meiner kleinen Freundin Püppi [die jetzt in München wohnt, „in einem anderen Land“, wie sie sagt] an dem Umzug teilgenommen…

Nach dem Umzug sah ich am Haus nebenan Lichter auf dem Bürgersteig. Ein vergessener Lampion? Es waren Lichter, die jemand neben Stolpersteine gestellt hatte. In der Nacht vom 9. auf den 10. November fand die Reichsprogromnacht statt, meist Reichskristallnacht genannt. In ganz Deutschland wurde Jagd auf Juden gemacht, wurden jüdische Geschäfte geplündert, Synagogen abgebrannt, Friedhöfe verwüstet. 400 Juden verloren ihr Leben, 30.000 wurden in Konzentrationslager verschleppt – der Auftakt zum Holocaust.

Nein, niemand hat davon gewusst, niemand hat etwas gesehen. Tausendmal und mehr habe ich das schon gehört. Niemand hat gesehen, wie die jüdischen Nachbarn auf Lastwagen geprügelt wurden. Kein Mensch hat die Schreie der Kinder gehört. Und als die Synagogen brannten, war es doch – dunkel. Die Mitbürger, die sich derart schuldig gemacht haben, sind inzwischen fast alle tot. Aber es wachsen ja neue Mitbürger heran. Ein Großteil will von den Gräueltaten und deren Aufarbeiten nichts mehr hören. Ein kleiner Teil tritt nahtlos in die Fußstapfen der Nazis. Beide machen mir Angst.

Auch Gunter Demnig hatte Angst. Angst, dass die jüdischen Mitbürger vergessen werden. Deshalb schuf der Künstler die Stolpersteine. Inzwischen sind fast 30.000 verlegt worden, besonders viele in Berlin. In welcher deutschen Stadt sind Stolpersteine nicht erlaubt? In Rostock? Nein. In Eberswalde? Nein. In München! Ausgerechnet in der „Weltstadt mit Herz“, dass ich nicht lache. Die Münchner Politik folgt der heftigsten Kritik an den Stolpersteinen, die ausgerechnet aus dem jüdischen Lager stammt. Charlotte Knobloch, die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, nennt es „unerträglich“, die Namen ermordeter Juden auf kleinen Messingtafeln zu lesen, die in den Boden eingelassen sind und auf denen „mit Füßen herumgetreten“ werde. [Frau Knobloch, ich schätze Sie als kritischen Geist – aber sind Sie von allen guten Geistern verlassen?]

Den jüdischen Mitbürgern Siegfried Mottek und Willi A. Rothschild sind die zwei Stolpersteine vor dem Haus Nassauische Straße 60 gewidmet, an denen die Lichter brannten.

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