Tagebuch: der Alleskönner

15 11 2012

Donnerstag, 15. November 2012

Unter mangelndem Selbstbewusstsein leidet er nicht. „Ich sehe meine Bilder gern“, sagte der berühmte Maler Johannes Grützke heute auf einer Pressekonferenz im Ephraim Palais. Nachdem Prof. Dr. Dominik Bartmann, Kurator der Stiftung Stadtmuseum, ihn als „einen der bedeutendsten figurativen Maler Deutschlands“ vorgestellt hatte, stellte ein Anwesender in der Fragerunde die logische Frage: „Warum nicht einer der bedeutendsten figurativen Maler der Welt?“ Dazu Grützke: „Eine gute Frage!“

    Johannes Grützke [3.v.r.] neben Dr. Franziska Nentwig,  ganz links: Prof. Dr. Dominik Bartmann

Jung wirkt er, aktiv, witzig ist er, schlagfertig. Wie alt mag er sein? 60? 62? Hochgeschätzt: 65? Weit gefehlt. Der Maler ist schon 75. Vielleicht hält ihn nicht nur die Arbeit so fit, sondern auch die Familie. Johannes Grützke ist mit der französischen Kunstgeschichts-Professorin Bénédicte Savoy verheiratet, Autorin des Buchs „Kunstraub“, das Napoleons Konfiszierungen in Deutschland behandelt. Das Paar hat zwei Töchter: Marie [geboren 2003] und Loulou [2005].

Doch der Reihe nach. Grützke nahm heute aus der Hand des Regierenden Bürgermeisters Klaus Wowereit [„Grützke, dieser Tausendsassa mit dem schelmischen Blick…“] den Hannah-Höch-Preis entgegen. Der wird seit 1996 vom Land Berlin an einen Künstler für sein Lebenswerk verliehen. Ein Seitenblick: Hannah Höch, die 1889 in Gotha geboren wurde und 1978 hochbetagt in Berlin starb, wurde durch ihre Dada-Collagen berühmt.

Zurück zu Meister Grützke. Aus Anlass des renommierten Preises zeigt die Stiftung Stadtmuseum im Ephraim-Palais eine geradezu gigantische Ausstellung mit Gemälden und grafischen Werken des Künstlers. Sie trägt den Titel „Die ganze Welt in meinem Spiegel“. Von den 200 Exponaten werden einige zum ersten Male öffentlich gezeigt, darunter wunderbare Linolschnitte – frühe Arbeiten von 1959. Und dann seine Gemälde. Schön im klassischen Sinne sind sie nicht. Aber sinnlich, packend, ironisch verfremdet, mitunter ausgesprochen humorvoll [herrlich: das Gemälde „Bach, von seinen Kindern gestört“]. Viel nacktes Fleisch ist zu sehen, aber all die sich übereinander türmenden nackten Frauenleiber, die in Reih und Glied [durchaus wörtlich zu nehmen…] aneinander gedrängten Männer sind so dargestellt, dass sich kein Betrachter wie ein Voyeur vorkommen muss. Und die Nackten würden sich auch nicht schämen, wenn sie wüssten, dass man ihnen zusieht…

Der arme Bach – von seinen Kindern gestört…

Dr. Franziska Nentwig, Generaldirektorin der Stiftung Stadtmuseum, wunderte sich ein wenig in ihrer Laudatio, dass die herausragende Bedeutung dieses Künstlers mit seinen farbenmächtigen, formenprächtigen Werken „ausgerechnet in seiner Heimatstadt bislang nicht immer adäquat gewürdigt worden“ ist. So schätzt sie sich glücklich, mit dieser Ausstellung diese Lücke füllen zu können.

Ich habe mich sehr gefreut, sie heute wiederzusehen. Die Museumschefin kenne ich seit vielen Jahren. Ich habe sie als Leiterin des Bach-Hauses in Eisenach schätzen gelernt. Damals schrieb ich Pressemeldungen für die Eisenacher Tourismuswerber, und ich habe für Eisenach in Berlin zwei Pressekonferenzen arrangiert, bei denen Franziska Nentwig brillierte. Seit sechs Jahren ist sie Generaldirektorin der Stiftung Stadtmuseum. Zweiter Seitenblick: Die Stiftung Stadtmuseum betreibt – als Landesmuseum für Kultur und Geschichte Berlins – in der Hauptstadt mehrere landeskundliche und historische Museen: das Märkische Museum, die Nikolaikirche, das Knoblauchhaus, das Museumsdorf Düppel und eben das Ephraim-Palais.

Neben den Gemälden zeigt die herrliche Grützke-Ausstellung Pastelle des Künstlers, Plakate, Buchkunst und grafische Werke. Sie, die Grafik-Blätter waren für mich die eigentliche Überraschung.

Aber es gibt noch eine oder gar zwei. Zu vier Terminen – 5. Dezember, 16. und 23. Januar, 14. Februar, gibt es im Ephraim-Palais Begleitveranstaltungen zur Ausstellung. So wird am 14. Februar der Film „einverstanden. im universum des johannes grützke“ gezeigt [und der auch permanent in der Ausstellung läuft, Ausschnittfoto: s. unten]. Danach wird mit dem Künstler und den Filmautoren Bernt Engelmann und Gisela Wunderlich diskutiert.

Und am 23. Januar gibt’s einen „Konzertsalon“: Grützke musiziert mit seinem 1965 in Berlin gegründeten Ensemble „Die Erlebnisgeiger“. Grützke spielt dabei die Geige – halt ein Alleskönner.

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