Tagebuch: Karlspreis

9 05 2013

Donnerstag, 9. Mai 2013

medailleDer Karlspreis ist am heutigen Feiertag in meiner Heimatstadt Aachen verliehen worden. Jedes Jahr erhält ihn eine Person, die sich um die Europäische Einigung verdient gemacht hat [oder angeblich verdient gemacht hat]. Kritiker werfen dem Karlspreis-Kommitee, das die Preisträger auswählt, Parteilichkeit vor. Fast alle CDU-Bundeskanzler haben den Karlspreis erhalten, auch Kiesinger. Ich bitte Sie: Was hat dieser Kanzler für Europa getan? Brandt und Schmidt dagegen gingen leer aus.

ChirchillIch erinnere mich noch genau an die Karlspreis-Verleihung an Churchill [rechts] 1955, ich war mit meinem Vater dabei und lauschte in einer riesigen Menschenmenge der Übertragung – Public Listening. Zum ersten Male in meinem Leben sah ich Wasserwerfer, vorsorglich aufgefahren, weil Proteste erwartet wurden.

Die Karlspreis-Verleihung 1966 war für mich ein ganz besonderer Tag: Der dänische Ministerpräsident Jens Otto Krag [links unten] erhielt den Karlspreis, und die Laudatio hielt Willy Brandt. Der war damals Außenminister.Seine Rede hat mich sehr beeindruckt, auch seine Haltung. Kerzengerade stand er da, selbstbewusst und doch selbstbespiegelnd. Die ausländischen Gäste begegneten ihm mit äußerster, auffallender Hochachtung.

kragIch war als Journalist akkreditiert und durfte ganz nah ran an die Ehrengäste.Für die Aachener Nachrichten, bei denen ich als frisch gebackener Redakteur arbeitete, durfte ich eine ganze Seite für das Ereignis schreiben. Das war damals die wohl ehrenvollste Aufgabe, die innerhalb der Redaktion zu vergeben war. Ich machte meine Sache gut. Ich erinnere mich noch genau an die Eingangssequenz des Reports: Im Festsaal des Rathauses war die Luft stickig, und deshalb öffeneten die Bediensteten einige Fenster – frische Luft, frischer Wind für den Karlspreis und die Europa-Idee…

kNoch einmal spielte der Karlspreis in meinem [beruflichen]Leben eine große Rolle. 1969 wurde der Karlspreis an die Kommission der Europäischen Gemeinschaften verliehen. Ihr Präsident Jean Rey, ein Belgier, nahm die Ehrung entgegen. Ich war als Reporter unterwegs und folgte Rey zum Hotel, in dem ein festliches Mittagessen gegeben wurde. Draußen demonstrierten griechische Studenten gegen die Junta-Diktatur in ihrer Heimat. Rey unterbrach spontan das Essen, drückte jedem aus der kleinen Protestgruppe einen Geldschein in die Hand und meinte, er könne sie nicht hereinbitten, sie sollten irgendwo anders auf Europas und das Wohl ihrer Heimat trinken. Im übrigen finde er das Regime in Athen grausam und verabscheuungswürdig.

Zurück in der Redaktion schrieb ich für den stellvertretenden Chefredakteur eine entsprechende Notiz. Und bekam am nächsten Tag einen Schrecken, als ich auf der ersten Seite der Zeitung in ganzer Breite die Schlagzeile las: Rey kritisiert das Athener Regime – und die [damals für die erste Seite unübliche] Autorenzeile: von unserem Redaktionsmitglied Horst Schwartz. Von da an hatte ich in Griechenland Einreiseverbot [wagte 1973 aber doch die Einreise, aber das ist eine andere Geschichte…]

 

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