Tagebuch: Mr. Horst auf Kreta

18 05 2013

Samstag, 18. Mai 2013

Die Maschine der Air Berlin war schon auf dem besten und pünktlichsten Weg nach Griechenland, als sie wegen eines Notfalls an Bord umkehren und in Belgrad unplanmäßig zwischenlanden musste. So begann am Freitag meine Reise nach Kreta. Ich habe nicht gezählt, die wievielte Kreta-Reise das ist. Die 15.? Die 20.? Die 25.? Vier Reiseführer habe ich über Kreta geschrieben, davon zwei mit Sabine Neumann, und einen NDR-Reisefilm gedreht. Das Ritual macht mich jedes Mal glücklich: Landung, Gang übers Vorfeld durch die heiße, leicht windige „Südluft“ zum Terminal, Warten auf den Koffer, Begrüßung, Übernahme des Mietwagens – und ab geht’s zur [Wieder-]Entdeckung der Insel.

Der kranke Mitreisende wurde in Belgrad ins Krankenhaus gebracht. Ich bin kein ängstlicher Mensch, aber mir war ein wenig mulmig, als die Maschine mit 180 Reisenden an Bord aufgetankt wurde. Ist das überhaupt erlaubt?

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Blick vom Hotel Marin

Hui, bei der Landung in Heraklion mit fast zwei Stunden Verspätung ging’s hoch her. Das war kein Wind, sondern ein regelrechter Sturm, der die Maschine durchschüttelte. Als ich aus dem Flughafen herauskam, sagte der Besitzer des Mietwagenverleihs zu mir: „Haben Sie Glück! Das ist das erste Flugzeug, das heute hier landen kann.“ Wegen des Sturms – mit rotem Sand aus Afrika – mussten alle Flugzeuge in Chania landen, fast 200 Kilometer entfernt. Der Bustransfer hätte drei bis vier Stunden gedauert.

Von der Dachterrasse des Hotels Marin aus hatte ich einen zauberhaften Blick auf den Hafen von Heraklion und das gut erhaltene venezianische Fort. Stundenlang dauerte das Gespräch mit einer Vertreterin des Griechischen Tourismusamtes auf Kreta – über die Situation des Griechenland-Tourismus, über die Retter-Rolle russischer Urlauber, über die Sparzwänge der Griechen und über Bundeskanzlerin Merkel.

6Ein fantastisches Deutsch spricht Rena Kypriotaki [kleines Bild], die mich heute durch die gigantische minoische Palastanlage führte. Und was für Wissen sie besitzt. Und wen sie alles kennt! Überall wird sie herzlich begrüßt. Fremdenführerinnen fallen ihr in die Arme, auch deren männliche Kollegen. Dann umspielt ein leichtes Lächeln ihren Mund, so als wolle sie sagen: Lieb von euch, mich so zu mögen. Ich hab‘ das aber auch verdient.

Und wie gut zu Fuß sie ist. Die sengende, ja drückende Hitze macht ihr nichts aus. Aber sie trägt ja auch im Gegensatz zu mir einen Hut.

Seit über 50 Jahren ist Rena als freiberufliche Fremdenführerin tätig – sie begann mit 19, und heute ist sie 70. Eine Griechin mit Witz und Würde! Wie oft habe ich Knossos schon besucht, und doch habe ich heute einiges Neues erfahren.

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Knossos

4Die nach diesem Palast zweitgrößte Sehenswürdigkeit aus minoischer Zeit – etwa 3300 bis 1.100 v. Chr. – ist seit sieben Jahren geschlossen: Das weltberühmte Archäologische Museum hinkte museumsdikatisch und unter konservatorischen sowie Sicherheitsaspekten Jahrzehnte hinter dem hinterher, was man heute unter einem modernen Museum versteht. In einem provisorischen Gebäude hinter dem Museum werden die wichtigsten Exponate – wie des Diskos von Festos [kleines Foto] gezeigt, die wir uns auch angesehen haben. Drei renovierte Säle sind letztes Jahr eröffnet worden, und zwar der Saal mit den berühmtesten minoischen Fresken und zwei Säle mit griechischen und römischen Skulpturen. Der große  Rest soll im Sommer dieses Jahres für die Öffentlichkeit freigegeben werden – wenn nicht die Wirtschaftskrise diesem Plan einen Strich durch die Rechnung macht.

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Der neue Freskensaal

In der Nähe von Agios Nikolaos liegt die neue Luxus-Hotelanlage Daios Cove, in der ich drei Nächte verbringe. Schon jetzt, nach wenigen Stunden, weiß ich: Das ist eine der schönsten Hotelanlagen, die ich in 40 Jahren als Reisejournalist gesehen habe [später darüber mehr]. Als ich dort ankam, konnte man meinen Namen auf der Buchungsliste nicht finden. Großes Rätselraten, wohl auch ein wenig Misstrauen, Rücksprachen, Suchen. Bis eine der reizenden jungen Damen an der Rezeption eine Idee hatte: „Heißen Sie Horst?“ Ich war als Mr. Horst registriert…

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