Tagebuch: Insel der Vergessenen – Kreta II

20 05 2013

Montag, 20. Mai 2013

cccManchmal bin ich die Unvernunft in Person. Was hat mich bewogen, zur Kreta-Reise meinen in China gekauften Strohhut zuhause zu lassen? Wer hat mir gesagt, dass ich bei über 30 Grad im Schatten keine Sonnencreme benötige? Und warum bin ich stundenlang in der Palastanlage von Knossos in sengender Hitze herumgelaufen, ohne wenigstens einen Regenschirm als Sonnenschutz zu benutzen?

Der Sonnenbrand ist ja nicht schlimm, aber in der Nacht zu gestern wachte ich mit Schwindelgefühlen und grässlichen Kopfschmerzen auf, die den ganzen Tag nicht weggingen. Ich dachte, eine Migräne sei’s – zum Teufel noch mal, muss das ausgerechnet auf einer Reise geschehen? -, aber heute weiß ich, dass mich ein Sonnenstich erwischt hatte. Auch die plötzlich auftretenden Nackenschmerzen passten ins Bild.

Heute geht’s besser, aber der gestrige Tag war nicht schön. Und das an dem Tag, an dem ich endlich meinen Freund Panagiotis [„Panos“] Koutoulakis wiedersehen sollte. Wir hatten uns zum letzten Male vor drei, vier Jahren getroffen, als ich mit meinen Söhnen Bent und Jesper zwei Wochen Urlaub auf Kreta verbrachte.

Panos 2013Uns verbindet eine über 20 Jahre alte Freundschaft. Panos, der lange in Berlin lebte und fließend Deutsch spricht, hat mir viele Jahre bei der Aktualisierung unseres „Kreta“-DuMont-Bandes geholfen. Wie viele Tage sind wir schon über die Insel gegondelt. Es gab Zeiten, da sahen wir uns jedes Jahr, mitunter sogar zweimal, wenn Panos nach Berlin zur ITB kam. Es galt immer der Grundsatz: Mit Panos musste ich zehn Dinge auf der Insel entdecken, die ich noch nie gesehen hatte. Das klappte jedes Mal.

Gestern also großes Wiedersehen [autsch, mein Kopf!]. Lange Gespräche – Privates, sehr Privates, Griechenlands Situation und das Feindbild Merkel. Ich habe noch nie von so vielen Verschwörungs-Theorien gehört wie an diesem Nachmittag.

Wir sind zur Leprainsel Spinalonga gefahren, die ich seit 15 Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wir nahmen nicht das große Boot von Agios Nikolaus oder Elounda, sondern ein kleines ab Plaka. Das war früher einmal ein Fischerort, heute reiht sich hier eine Taverne an die andere, ein Fischrestaurant ans andere. Die Leute hier hatten sich große Hoffnungen gemacht, nachdem die Fernsehserie nach dem Buch „The Island“ [deutsche Ausgabe: „Insel der Vergessenen“] von Victoria Hislop zum Straßenfeger wurde – in Großbritannien und in den USA, in Israel und wo sonst noch. Nur in Deutschland lief die Serie, wenn ich mich nicht irre, nicht. Aber der Boom blieb aus, oder er flachte zumindest schnell wieder ab. Die dramatischen Ereignisse auf der Leprainsel Spinalonga verschafften Plaka, Elounda, meinetwegen auch Agios Nikolaos zwar Aufmerksamkeit, aber keinen anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung.

GR Kreta Spinalonga 21

Es gehört nicht viel Fantasie dazu sich vorzustellen, wie leicht es gewesen sein muss, auf der Leprainsel einen dramatischen, atmosphärisch dichten Film zu drehen: Viele Häuser sehen noch heute so aus, als hätten die Bewohner sie erst gestern verlassen. Dabei wurde die Leprastation vor 55 Jahren aufgelöst.

GR Kreta Spinalonga 6

GR Kreta Spinalonga 10

GR Kreta Spinalonga 16

GR Kreta Spinalonga 8

Venezianer und Türken waren einst die Besitzer der Insel. 1903 mussten 1000 türkische Familien das Eiland verlassen, weil die Regierung der seit 1898 autonomen Insel Kreta beschlossen hatte, auf Spinalonga eine Leprastation einzurichten. Nach dem Anschluss ans griechische Mutterland wurden die „Aussätzigen“ von ganz Griechenland hierhin gebracht.  Das blieb so bis 1957.

In den letzten Jahren hat die griechische Verwaltung der Ausgrabungsstätten, die jetzt zwei Euro Eintritt zur Insel verlangt, einiges getan. Warnschilder wurden aufgestellt, Sicherheitszäune installiert, Informationstafeln und Fotowände angebracht. In ein paar Vitrinen sind einige wenige Habseligkeiten der früheren Inselbewohner ausgestellt. Die Insel der Vergessenen gerät nicht in Vergessenheit.

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