Tagebuch: Überraschung in Weiß

8 07 2013

Montag, 8. Juli 2013

Eigentlich wollten wir – vom Flohmarkt auf dem Münchener Olympiagelände kommend – ja nur zur Straßenbahn. Da entdeckten wir eine Siedlung, die uns neugierig machte. Schon Struktur und Farbe des Putzes der Häuser hatte etwas Südländisches, erst recht die Durchgänge, Innenhöfe und Arkaden.

DSCN0419Es handelte sich um die Borstei. Borstei? Aus Wikipedia: Die Borstei ist eine denkmalgeschützte Wohnsiedlung im Münchner Stadtteil Moosach, die zwischen 1924 und 1929 von dem Architekten und Bauunternehmer Bernhard Borst erbaut wurde… Als neuen Standort seines Bauunternehmens erwarb Bernhard Borst 1923 ein ca. 90.000 m² großes Grundstück an der Dachauer Straße. Neben Werkstätten sollten dort auch Wohnhäuser entstehen, Borst schrieb dafür einen Architekturwettbewerb aus. Unter den 60 Einreichungen, die im Münchner Glaspalast ausgestellt waren, wurden zwar zwei 2. Preise vergeben, jedoch kein Sieger gekürt. Borst erstellte nun selbst einen Entwurf, und so entstanden in den Folgejahren mehrere in Höfen angeordnete, durch Gewölbe und Durchfahrten verbundene Wohnhäuser.

Der weitblickende, idealistische Bernhard Borst ist vor genau 50 Jahren gestorben.

Wir gingen staunend weiter. Auf einmal öffnete sich ein Innenhof – und alles war weiß. Weiße Girlanden und weiße Tischdecken, weiße Tischdekoration und weiße Schilder. Die vielen Menschen, die hier feierten, große und kleine, alte und junge, sich mit dem Rollator fortbewegende und Minis in dick auftragenden Pampers – sie alle waren weiß gekleidet. Die Mietergemeinschaft der Borstei feierte ein Fest in Weiß.

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B4Und was für ein Fest. Friedlich und fröhlich ging es zu, obwohl das Bier – hier in Bayern werde ich noch zum Biertrinker! – trotz der nachmittäglichen Stunde durchaus schon in Strömen floss. Der Bierstand war übrigens gut organisiert: Der Wirt zapfte, seine Tochter kassierte und nebenan kümmerte sich der Nachwuchs um die Pfandgläser. Kuchen gab es in der Bäckerei der Siedlung, Würstchen beim Metzger, Cocktails im Café. Und die beiden Damen eines Kosmetik-Studios hatten [„in Nachtarbeit“, wie sie versicherten] Überraschungstüten gefüllt, und zwar für jede Altersstufe, für die ganz kleinen, die größeren, für Männer und für Frauen [kleines Foto].

Eine – süße – Begebenheit am Rande: Auf einmal kam eine kleine Maus herangetrabt, noch keine zwei Jahre alt, und rief: „Papa! Papaa! Papaaa!“ Als sie mich entdeckte, schoss sie auf mich zu, ergriff den kleinen Finger meiner linken Hand und zog mich Richtung Bäckerstand. „Papa, Muffin!“ war ihre Erklärung. Sie ließ sich nicht von mir überzeugen, dass ich nicht ihr Papa war und sie doch besser den Papa fragen solle… Auch als ich für diese Erklärungen in die Knie ging, um in Augenhöhe mit ihr zu reden, beeindruckte sie das nicht. Sie schaute mich nur mit Unverständnis an und zog weiter, übrigens mit bemerkenswerter Kraft. Bis ihr Papa kam und fragte: „Was machst Du denn da…?“ Von da an war ich Luft. Der Papa übrigens war halb so alt wie ich und bestimmt zwei Kopf größer.

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Für Kinder gab es nicht nur eine Hüpfburg, sondern auch einen Schminkstand und einen Tisch, an dem für Mädchen wundervolle Haardekoration mit Rüschchenblume und Schleier gebastelt wurde – in Weiß, versteht sich. Was für ein Fest! Wir blieben lange, obwohl wir eigentlich aus dem Rahmen fielen: Wir waren nicht in Weiß gekleidet.

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