Tagebuch: die Suche

1 08 2013

Donnerstag, 1. August 2013

Neuer Monat, neue Marke. Ich bin Besitzer einer Jahres-Dauerkarte für den ÖPNV [das Kürzel bedeutet: Öffentlicher Personen-Nahverkehr] in Berlin und Brandenburg. Die Stammkarte dazu habe ich seinerzeit bei der S-Bahn geordert. Das macht nichts, denn die S-Bahn gehört zum Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg.

ccvf 001Die Monatsmarken liegen immer in meiner Terminmappe. Wer Ordnung hält, ist zu faul zum Suchen, sagt man. Also ist die Monatsmarke schnell gefunden. Ich muss sie nur noch in die Hülle zur Stammkarte schieben. Aber wo ist diese? Grübel, Grübel… Ich begann zu suchen.

Ich bin gut im Suchen. Was habe ich nicht schon alles gesucht und gefunden. Die Hausschlüssel – im Kühlschrank. Die Geldbörse – im Papierkorb. Das Diktiergerät – in der Fototasche. Die Kamera – in der Bücherwand. Es ist nicht so, dass in Wohnung und Büro Chaos herrscht. Aber ich habe nun mal partout die Angewohnheit, Ablageplätze zu erfinden, auf die so schnell keiner kommt. Über Mangel an Fantasie hat sich bei mir noch niemand beklagt.

Früher, als ich mein Büro noch in einem alten Fotoladen in der Wiener Straße in Kreuzberg hatte, wusste ich nie, wo in der Umgebung ich mein Auto geparkt hatte. Also schenkte mir mein Sohn Alex eine Pinnwand mit aufgemalter Straßenkarte – Wiener Straße und Umgebung. Mit einer farbigen Nadel sollte ich immer den Parkplatz markieren. Als erstes versteckte ich vor mir selbst das Döschen mit den farbigen Stecknadeln.

Wo kann die Stammkarte nur sein? Ich ging dazu über, die Suche zu systematisieren wie ein Zolloberinspektor. Büro – Fehlanzeige [sogar im Papierkorb]. Wohnzimmer – nichts. Es sei denn, ich hätte die Stammkarte irgendwo zwischen ein paar tausend Bücher versteckt. Aber das traute ich selbst mir nicht zu. Küche – wieder nichts. Bad – ebenso. Schlafraum – niente.

Da ich alleine war, konnte ich ein wenig fluchen. Aber das half auch nichts. Also schlüpfte ich von der Rolle des Zolloberinspektors in die des Kriminalhauptkommissars. Was fragt der immer die verbliebene Gattin des Mannes, der abends „mal eben Zigarette holen“ geht und nicht mehr zurückkommt? Klar: „Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?“

qJa, wann hatte ich die Stammkarte zum letzten Mal gesehen? Gestern? Bin ich nicht U-Bahn oder Bus gefahren. Vorgestern? Kein erhellender Geistesblitz. Da, plötzlich: Am Sonntag. Ja, da war ich zum Picknick im Volkspark gefahren. Obwohl meine Beine nicht mehr zur Teilnahme an Germans Next Top Model oder wie das heißt taugen, war ich der Hitze wegen in Badeshorts unterwegs. Aha! Badeshorts! Schnell nachgeschaut. Nichts. Da fiel mir ein: Die Badeshorts hatte ich mit Buntem in die Waschmaschine gesteckt und dann zum Trocknen aufgehängt.

Kürzen wir’s ab: Ich hatte die Stammkarte mit gewaschen, und sie klebte jetzt in Bröseln an der Innenwand der Waschtrommel. „Kein Schongang!“ sagte der freundliche Mann im S-Bahn-Ticketbüro im Hauptbahnhof, als er die Bescherung sah. Ich hatte ihm gebeichtet, auf welche Belastungsprobe ich die Stammkarte gestellt hatte. Der Rest ist schnell erzählt: Ausweis gezeigt, Passbild rübergereicht, neue Stammkarte ausgestellt. „Danke – und eine neue Hülle bekomme ich auch noch dazu.“ Ich bekam sogar zwei, die erste wurde mit Stammkarte verkehrtherum in die zweite gesteckt – „damit die Karte nicht nass wird“. Das leuchtete mir ein. „Mache ich bei meener Kleenen auch immer“, sagte der freundliche Mann und wünschte mir einen „guten Tag“. Sag‘ noch mal jemand, bei der S-Bahn sei man nicht freundlich…

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