Tagebuch: Hoffnung

8 08 2013

Donnerstag, 8. August 2013

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Als Geschäftsführer eines Reisegiganten ist er fast genial. Als Prophet aber ist er eine Niete. Ich spreche von Dietmar Gunz, Chef von FTI. Bei der Programmvorstellung vor fast fünf Wochen hatte er sich zum Thema Ägypten sehr weit aus dem Fenster gelehnt: In zwei Wochen, so betonte er, sei der Spuk in Ägypten vorbei und wieder Normalität am Nil eingekehrt.

Dietmar Gunz 1Die Botschaft hörten wir Journalisten schon. Allein, uns fehlte der Glaube. Wir ahnten, nein wir wussten, dass Gunz sich irrte. Die Situation in Ägypten hat sich ganz und gar nicht beruhigt, im Gegenteil. Was Dietmar Gunz [Foto rechts] von sich gegeben hatte, war nichts anderes als Zweckoptimusmus. Licht ins Dunkel bringt die Pressemeldung des Unternehmens vom selben Tag:

„FTI führt in der Wintersaison 2013/14 den Ausbau des Ägypten-Programms fort. Zur aktuellen Situation im Land am Nil erklärt Dietmar Gunz, CEO der FTI GROUP: „Trotz der Demonstrationen in den großen Städten Ägyptens ist die Lage in den touristischen Regionen wie schon immer ruhig. Wir gehen davon aus, dass das auch in Zukunft so bleibt. Über unsere zahlreichen Meeting Point Büros vor Ort mit insgesamt mehr als 500 Mitarbeitern sind wir sehr gut informiert. Wie das Auswärtige Amt bewerten auch wir Reisen an das Rote Meer weiterhin als völlig unbedenklich und bezüglich der Sicherheitslage vergleichbar mit Reisen in andere Ferienregionen am Mittelmeer, im Mittleren Ostens oder in Nordafrika.“

Mit anderen Worten: Der Veranstalter hat sein Ägypten-Programm so gewaltig aufgestockt, dass er auf Gedeih und Verderb darauf angewiesen ist, dass die Unruhen in Ägypten – kurz vor der Wende zum Bürgerkrieg – Reisekunden nicht von Ferien in Ägypten abhalten.

REWE TouristikDrei Tage vorher ein ähnliches Bild. Programmvorstellung von DER Touristik Köln [ITS, Jahn-Reisen, Tjaereborg ] in Düsseldorf. Sören Hartmann [Foto links], der Chef, verbreitete zum Thema Ägypten ebenfalls Zweckoptimismus. Massiv ging er Klaus Brähmig an, den Vorsitzenden des Tourismusausschusses des DeutschenBundestages. Kurzporträt in der „Welt“: der CDU-Politiker bemüht sich selten um diplomatische Floskeln. In seinem Wahlkreis in der Sächsischen Schweiz kommt er damit gut an. Dort leitet er auch den Tourismusverband. Ein echter Lokalpatriot eben. Seit 23 Jahren sitzt er im Bundestag, im Herbst tritt er wieder an. Nur in der Tourismusbranche, einem Wirtschaftszweig, in dem es um Milliarden geht, hat man so seine Probleme mit dem Klartextpolitiker. Reiseveranstalter, Tourismusverbände und Brähmig haben ständig miteinander zu tun – und immer wieder rasseln sie aneinander.“

Neuester Anlass: „Keine 24 Stunden waren da vergangen, seit das Militär in Ägypten Staatspräsident Mohammed Mursi abgesetzt hatte. Brähmig war besorgt um die Sicherheit Tausender deutscher Touristen in dem arabischen Land. Also sagte er, dass die Muslimbrüder und Millionen ihrer Anhänger von der Absetzung Mursis sicherlich nicht begeistert seien. Und: „Meine Furcht ist, dass radikalisierte Teile dieser Gruppen nach ihrer Entmachtung auch zu Terrorakten greifen könnten. Ob und inwieweit diese Radikalen dann auch Rücksicht auf Touristen nehmen, vermag niemand vorauszusagen.“

braehmig_klaus_thumbAlle fielen sie daraufhin über Brähmig [Foto rechts] her. Aber wer Brähmig kennt, weiß, dass dieser oft anders handelt, als es das Schild verlangt, das ich einmal zu meiner Freude in einem ländlichen Polizeirevier entdeckt habe: „Verstand einschalten, ehe Mundwerk in Betrieb gesetzt wird!“ Da kann man nur hoffen, dass der Mann nach der Bundestagswahl nicht mehr dem Tourismusausschuss vorsitzt. Aber ihn, wie es Sören Hartmann getan hat, als Alibi zu benutzen, um das umfangreiche Ägypten-Programm zu rechtfertigen, ist unklug.

Trotz meiner Kritik an Gunz und Hartmann hoffe ich, dass sie langfristig Recht behalten und sich die Lage in Ägypten beruhigt. Die Hoffnung stirbt zuletzt.

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