Tagebuch: das wichtige Fragezeichen

20 09 2013

Samstag, 21. September 2013

Als Hilmar af Klint 1944 starb, hatte sie nur noch wenige Tage bis zu ihrem 82. Geburtstag. Die Malerin hinterließ über 1.000 Bilder und 125 Notizbücher, in denen sie ihre Visionen notierte. Und sie hinterließ eine erstaunliche Verfügung: 20 Jahre, so legte sie fest, durften ihre Werke nicht gezeigt werden.

HK5So kam die schwedische Malerin erst spät, sehr spät zu Ehren. Nach meiner Meinung zu viel Ehren. Aber der Reihe nach. Eine wahrhaft riesige Ausstellung ist ihr derzeit im Hamburger Bahnhof gewidmet. Sie trägt den Titel „Pionierin der Abstraktion?“ – mit Fragezeichen. Das ist wichtig. Pionierin der Abstraktion Fragezeichen…

Die Ausstellung wurde schon im Moderna Museet in Stockholm gezeigt und wandert nach Berlin ins Museo Picasso in Malaga. Den Abschluss der Wanderschaft bildet das Louisiana Museum of Modern Art in Humlebæck nördlich von Kopenhagen – mein Lieblingsmuseum auf diesem Globus. Im Hamburger Bahnhof ist sie nur noch bis zum 6. Oktober zu sehen. Sie reicht über mehrere Stockwerke. Im Erdgeschoss wird sie von der Installation „Das Ende des 20. Jahrhunderts“ von Joseph Beuys unterbrochen. Das hat durchaus Symbolkraft: Wie van Klint wurde auch Beuys von einem Mann beeinflusst, der – je nach Standpunkt – völlig überschätzt oder völlig unterschätzt, jedenfalls aber geschätzt wird: Rudolf Steiner.

HK2Hilmar af Klint lernte den Theosophen und spätere Anthroposophen 1908 kennen, und in späteren Jahren verbrachte sie längere Zeiten „im Lager der Anthroposophen“ in Dornach in der Schweiz. Aber schon vorher war die Malerin auf transzendentalen Wegen unterwegs. Schon 1980, nach dem Tod ihrer Schwester, tauchte sie in Religion und Spiritualismus ein: Mit vier Freundinnen gründete sie „Die Fünf“, um Séancen abzuhalten, bei denen sie als Medium diente. In einer der Sitzungen erhielt sie den Auftrag, „Die Gemälde zum Tempel“ zu malen, den Zyklus beendete sie 1915. Von da an malt sie „höhere Wesen“, geometrische Formen, abstrakt zwar, aber bemerkenswert floral. Die Motive waren symbolgetränkt. Sie sagte selbst einmal: „Ich hatte keine Ahnung, was die Bilder darstellen sollten.“ Von Steiner erwartete sie einmal die Deutung ihrer Malerei, die er ihr verweigern musste. Mehr noch: Er kritisierte sie. Daraufhin rührte sie vier Jahre keinen Malpinsel mehr an.

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Weniger wäre bei dieser Ausstellung mehr gewesen. Zum Fragezeichen: Hilmar af Klint, die so gesehen einige Jahre vor Kandinsky angefangen hatte, „abstrakt“ zu malen, darf man nach meiner Einschätzung nicht mit Kandinsky, Mondrian oder Malewitsch gleichsetzen. Af Klingt hat nicht damit gerungen, die Grenze zur Abstraktion zu überschreiten, Kaninsky schon.

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Christiane Meixner vom „Tagesspiegel“ [kluge Frau!] schrieb dazu: „Af Klingt war zweifellos eine Pionierin der Abstraktion, doch lässt sich ihr Werk kaum von der mystischen Grundhaltung seiner Schöpferin isolieren.“ Gut so. Und weiter, noch viel wichtiger: „Ohne diesen Hintergrund verlieren manche Motive ihren inneren Anker und wirken sogar kitschig.“ Nach ihrer Meinung „müssen die Granden der Abstraktion dennoch zusammenrücken, um Af Klingt Platz zu machen.“ Sollen sie doch…

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