Tagebuch: Verlust

27 09 2013

Freitag, 27. September 2013

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Aus dem Staunen kam meine kleine Freundin Püppi nicht heraus, als ich mit ihr das Märkische Museum besuchte. Das war vor zwei Jahren, da war sie vier und suuuperneugierig. Von den Museumsbediensteten wurde sie herzlich begrüßt und auf viele Objekte aufmerksam gemacht: die Ritterrüstungen natürlich, Marienstatuen, die Ausstattung eines alten Friseurladens, historisches Kinderspielzeug.

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22Das Märkische Museum zeigt noch mehr. Zeugnisse der Geschichte von den Anfängen bis heute sind ausgestellt. Aber das Museum ist museumsdidaktisch keineswegs auf neuestem Stand. Viele Räume sind überladen, weniger wäre mehr. Die Beleuchtung ist auch nicht optimal. Von der Beschilderung ganz zu schweigen.

Und dann der Name! Märkisches Museum – das versteht man ja. Aber Stiftung Stadtmuseum – das hört sich an wie der Name eines Beerdigungsinstituts. Unter diesem Dach sind 16 Museen zur Kultur und Geschichte Berlins vereint, mit dem Märkischen Museum als Flaggschiff. Stiftung Stadtmuseum…! Warum nicht „Stiftung Berlin-Museum“ oder so…

Das 1908 eröffnete Märkische Museum ist ein Koloss. Ein riesiger Gebäudekomplex in unterschiedlichen Stilzitaten – Romanik, Gotik und vieles mehr. Der Turm mit Walmdach soll an den Bergfried der Bischofsburg in Wittstock/Dosse erinnern.

mm4aGestern habe ich an einer zauberhaften Veranstaltung im Märkischen Museum teilgenommen. Es ging um das neue Ausstellungsformat „BlickWechsel“. Dazu die Pressestelle des Museums: Mit dem Format werden Objekte der Dauerausstellung im Märkischen Museum regelmäßig hinterfragt. In die Ausstellung neu eingebrachte Exponate „stören“ aufgrund ihrer Ästhetik und ihrer Bedeutung, wenn auch ganz unaufgeregt, den Erzählstrang der Präsentation. So kommen überraschende wie auch vergessene Geschichte(n) ans Licht. „Verlust“ heißt die zweite temporäre Ausstellungsintervention, die heute eröffnet wurde.

Sie hängt mit dem Berliner Themenjahres 2013 „Zerstörte Vielfalt“ zusammen. Wieder die Museums-Pressestelle: Gerade auch in einem Museum, als „Ort der Erinnerung“, gilt es, der Frage nach dem Vergessen nachzugehen. Der BlickWechsel spürt der freigeistigen Stimmung Berlins vor 1933 nach und zeigt wie die Nazis systematisch Berlins gesellschaftliche Vielfalt, Einzigartigkeit und Kreativität zerstört haben. Der Frage, welche Konsequenzen die Machtübertragung an die Nationalsozialisten 1933 für das Leben der Bewohnerinnen und Bewohner Berlins hatte, kommt dabei besondere Bedeutung zu.“

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Über ein halbes Jahr hat die Kuratorin Charlene Lynch an den zehn Stationen zum „Verlust“-BlickWechsel gearbeitet. Das Ergebnis ist faszinierend. Ein Beispiel: In der normalen Ausstellung hängt ein 1913 gemaltes „Selbstbildnis mit Pinsel“ des – auch damals schon berühmten – Malers Max Liebermann. Schön. Hängt gut da. Ein berühmter Berliner Maler. Aber nichts weist darauf hin, dass Liebermann ein Jude war, von den Nazis ein Ausgegrenzter, ein Geächteter. Die „Verlust“-Station zeigt ein Bild seiner Beerdigung 1935. Nur wenige Berliner nehmen daran teil. Die Mehrheit hat Angst, sich zu dem großen Toten zu bekennen. Dabei war ihm 1927 zu seinem 80. noch die Ehrenbürgerwürde der Stadt verliehen und eine große Ausstellung gewidmet worden. Schön wäre es, wenn dieser die Ausstellung bereichernde Hinweis immer dabliebe. Aber am 19. Januar werden die zehn „Verlust“-Stationen wieder abgebaut.

mm5aMit Wissen und Charme hat Charlene Lynch [rechts] uns bei der Presse-Präsentation der Ausstellung geführt. Es war, wie gesagt, eine zauberhafte Stunde. Die Vergangenheit wurde greifbar, der Verlust geradezu körperlich spürbar. Das kann ein Museum leisten!

Zurück zu Püppi: Als ich sie nach dem Museumsrundgang fragte, was ihr denn am besten gefallen habe, kam wie aus der Pistole geschossen die Antwort: „Der genagelte Mann“ – das große mittelalterliche Kruzifix im Kreuzgang des Museums.

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