Tagebuch: Matschepatsche

8 10 2013

Dienstag, 8. Oktober 2013

DSCN1613

„Ich habe nur noch einen Gehörschutz“, sagte die freundliche Dame im Gropiusbau und überreichte ihn mir, als sei er ein wertvoller Schatz. „Der Schütze kommt gleich“, versicherte sie.

Und der Schütze kam. Er trug einen dunklen Overall, verzog keine Miene und hantierte an der Kanone. Und nach einer Wartezeit, die allen Zuschauern unendlich lange vorkam, gab es einen lauten Knall – und die Kanone schoss braunrote Matschepatsche in eine Ecke. Und das wiederholte sich jede halbe Stunde.

mgb13_anish_kapoor_01a_media_gallery_res„Shooting into the Corner“ heißt dieses Kunstwerk – es juckt mir deutlich in den Fingern, das Wort Kunstwerk mit Anführungszeichen zu versehen – von Anish Kapoor, einer der Höhepunkte der großen Ausstellung „Kapoor in Berlin“. Sie ist noch bis zum 24. November zu sehen. Mit 70 Werken bespielt der Künstler [ohne Anführungszeichen] das ganze Erdgeschoss im Martin-Gropius-Bau, auch den Lichthof. Die Schau, so heißt es im Ausstellungsflyer, gibt „einen Überblick über das abstrakt-poetische Werk“. Abstrakt mag ja stimmen – aber poetisch?

mgb13_anish_kapoor_05_media_gallery_resDa werden Tonnen von Kunstharz getürmt, Gebilde aus Wachs versperren den Weg, dazwischen Berge von PVC, Stein, Stahl und vieles mehr. Am interessantesten waren noch die Zerrspiegel, die an vielen Orten standen und vor denen sich die Besucher drehten und wendeten, bis ihnen schwindelig wurde.

Die Ausstellung war gut besucht. Die Besucher aus aller Welt – ich hörte Italienisch und Dänisch, Spanisch und Englisch in allen nur denkbaren Schattierungen – verloren ihre gute Laune nicht. Obwohl sie hier wieder durchschimmerte, die „Servicewüste Deutschland“. Obwohl der Tag der Samstag nach dem Brückentag von letztem Freitag war, hatte nur eine Kasse geöffnet. Und eine dem Zusammenbruch nahe Frau musste sich alleine um Annahme und Ausgabe der Mäntel kümmern. Das heißt: Insgesamt 45 Minuten Wartezeit, bis man in die Schau gelangte.

Jmgb13_anish_kapoor_14_media_gallery_resa, die Schau, die Ausstellung. Anish Amor sei „einer der weltweit bedeutendsten zeitgenössischen Künstler“, heißt es im Flyer. Warum musste ich die ganze Zeit an das Märchen „Des Kaisers neue Kleider“ denken?

Rückblick [oder Ausblick]: Dieser Tage Alarm am Berliner Hauptbahnhof. Greenpeace-Aktivisten würden die Fassade erklettern, hieß es. Aber das war eine Fehlmeldung. Das waren Arbeiter, die schon das Anbringen des Weihnachtsschmucks vorbereiteten.

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