Tagebuch: keine Antwort

11 10 2013

Freitag, 11. Oktober 2013

Soll man? Darf man auf keinen Fall? Oder muss man unbedingt – auch und gerade jetzt? Die Rede ist von Reisen in die unruhige Destination Ägypten. In mir tobt ein Kampf, dessen Sieger nahezu stündlich wechselt. Das habe ich schon einmal mitgemacht – vor vier Jahrzehnten, als in Griechenland die Obristen-Diktatur an der Macht war.

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Griechenland, die Wiege der Demokratie im Abendland, geriet nach langen innenpolitischen Unruhen unter die Fuchtel der Obristendiktatur. Das Militär herrschte von April 1967 bis Juli 1974 über das Volk der Hellenen, und es herrschte hart und grausam. Pressezensur, Verhaftungen, Deportation auf Konzentrationsinseln, grausame Folterungen. Der offizielle Westen schaute – gelassen bis wohlwollend – zu, und vor Piräus lag die 6. US-Flotte, was für ein Zufall.

Natürlich sympathisierten auch viele [linke] Politiker, Schauspieler, Künstler und Journalisten lautstark mit dem Widerstand, der sich in Griechenland formte. Mikis Theodorakis und Alexandros Panagoulis waren die Gallionsfiguren. [Panagoulis, der nach Ende der Diktatur ankündigte, Militärdokumente zu veröffentlichen, starb 1976 bei einem – höchstwahrscheinlich inszenierten – Verkehrsunfall; zur Zeit seiner Beerdigung, an der hunderttausende Griechen teilnahmen und so für die Stabilisierung der Demokratie demonstrierten, war ich in Athen – den Tag werde ich nie vergessen.]

220px-Melina_MercouriZurück zur Militärdiktatur. Anfang 1973 diskutierten wie in der Redaktion der von der Stiftung Warentest herausgegebenen Zeitschrift „test“, ernsthaft die Frage: Dürfen wir in einer solchen Situation nach Griechenland fahren, dort Hotels testen und in „test“ einen Report über die aufstrebende Tourismusdestination Griechenland veröffentlichen? Der Daumen war fast unten, als im deutschen Fernsehen die Schauspielerin Melina Mercouri – kleines Bild -[„Sonntags nie!“] ein Interview gab und die Deutschen unter Tränen bat, ihr Land nicht in Stich zu lassen. Kommt und macht Urlaub in Griechenland, damit der Kontakt nicht abreißt und zeigt meinen Landsleuten, was Freiheit ist – das war ihre Botschaft.

Da war der Daumen wieder oben. Im April 1973 reiste ich zum Hellas-Test mit meinem Team nach Griechenland. Ein wenig schäme ich mich heute noch dafür.

Das nun übertragen auf Ägypten. Selbst wenn es an der Küste von Hurghada ruhig bleiben sollte: Können Reiseveranstalter es verantworten, jetzt wieder Urlauber in das vom Bürgerkrieg zerrissene Land zu schicken? Darf man getrost am Roten Meer in der Sonne braten, während sich in Kairo – und nicht nur dort – die Ägypter gegenseitig zerfleischen? Wo bleibt da die Moral?

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Andererseits: Dringend braucht das Land wirtschaftliche Stabilität. Haupteinnahmequelle ist der nun brachliegende Tourismus. So viele Millionen Menschen sind abhängig von dieser Erwerbsquelle. Ist es da nicht geradezu unsere Pflicht, Ägypten nicht fallen zu lassen. Hinzureisen und dort Urlaub zu machen.

Soll man? Darf man auf keinen Fall? Oder muss man unbedingt – auch und gerade jetzt? Morgens denke ich so und mittags wieder anders. Mal habe ich Wut auf die Idioten, die dort aufeinander eindreschen, mal habe ich Mitleid mit den armen Menschen in diesem Land. Eine schlüssige Antwort habe ich nicht. Ich glaube, es gibt auch keine.

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