Tagebuch: Feuerhotte

1 12 2013

Samstag, 30. November 2013

„Feuerhotte“ war mein Spitzname bei den Aachener Nachrichten. Das ist 45 Jahre her, und das kam so. An allem, was die Feuerwehr betraf, war ich als junger Reporter in Aachen sehr interessiert. Da war ich wohl Kind geblieben. Die Feuerwehr sah in mir einen Verbündeten, und wir strickten so manche Geschichte zusammen. So durfte ich einmal irgendwo in der Stadt das Glas eines Feuermelders einschlagen und stoppen, wie lange es dauerte, bis der Löschzug eintraf.

Derart „geschult“ beobachtete ich die Arbeit der [Freiwilligen] Feuerwehr, als ich als Leiter der Lokalredaktion in die Kreisstadt Geilenkirchen versetzt wurde. [Zum Namen Geilenkirchen, für den ich mich sehr schämte, gibt es eine eigene Geschichte, die ich demnächst einmal erzähle…] Kaum hatte ich meinen Job angetreten, als eine Fabrik brannte – und abbrannte. Weil sich, nach meiner Einschätzung, die Feuerwehr nicht sehr professionell verhielt und ihr außerdem eine Leiter, eine Drehleiter fehlte.

Nicht-digitaler shit storm

Oh je – das habe ich auch geschrieben und wurde dafür arg beschimpft, gar bedroht. Was mir denn einfiele, die armen, armen Feuerwehrleute zu verunglimpfen. Und was mir einfiele, eine Drehleiter zu verlangen, wo doch alle Gebäude der Stadt nicht mehr als zwei Stockwerke hätten. Shit storm in nicht-digitalen Zeiten!

Ein Jahr später wurde ich zur Besichtigung einer neuen Feuerwehrleiter geladen und fuhr im schwankenden Korb 30 Meter hoch. Hoch oben sagte der Feuerwehrchef zu mir: „Das ist die Leiter, die Sie gewünscht haben…!“

Immer wenn ich nicht wusste, wie ich meine Zeitungsseiten voll bekommen sollte, sagte ich mir: Es wird bestimmt noch brennen. Feuerhotte behielt Recht: In den meisten Fällen brannte es noch: Scheunen, ganze Bauernhöfe, Wohnhäuser. Als ich Mitte 1972 den Vertrag der Stiftung Warentest in der Tasche hatte, um meinen Job als Reiseredakteur der Zeitschrift „test“ anzutreten, sagte ich zu Familie, Freunden und Kollegen zum Spaß: Ein kleiner, feiner Brand zum Abschied – der täte mir schon gefallen.

Wasser marsch!

Vorvorletzter Arbeitstag in Geilenkirchen. Es ist heiß und schwül, weit über 30 Grad. Abends lasse ich die Fenster weit offen und versuche, trotz der Hitze einzuschlafen. Auf einmal hört ich: „Wasser marsch!“ Ich ziehe mir rasch Kleider über, greife die Kamera, die immer bereit liegt, stürze hin. In dem Moment, in dem ich die Kamera ans Auge hebe, fliegt das Dach der Fabrik in die Luft. Feuerhotte hatte sein Abschiedsgeschenk.

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