Tagebuch: Erpressung zu Silvester

1 01 2014

Mittwoch, 1. Januar 2014

Das neue Jahr ist wenige Minuten alt. Um mich herum knallt es. Ich denke an ein unvergessliches Silvester vor -zig Jahren.Dazu muss ich anmerken, dass ich das Journalistenhandwerk von der Pike auf gelernt habe. Irgendwann war ich Redakteur der Aachener Nachrichten auf dem Lande. Ich arbeitete, so glaube ich, ziemlich gewissenhaft. Aber ich war alles andere als einer jener Krawallredakteure, die heute an der Tagesordnung sind. Damals war die journalistische Welt noch ziemlich in Ordnung. Recherche, Aussage, Gegenaussage, Berichterstattung – eine einfache Formel.

Umso entsetzter war ich über den Anruf am Silvesterabend, kurz bevor die Gäste kamen. Der Mann meldete sich mit Namen und Funktion. Bauunternehmer xy, ich mache Sie fertig, Sie und Ihre Frau und Ihre zwei Kinder… Was Sie über mich geschrieben haben. Ich warne Sie… Undsoweiter.

Die Drohung war massiv. Dabei hatte ich handwerklich sauber berichtet. Was dem Bauunternehmer nicht gefiel war die Tatsache, dass ich auch seinen Gegner im Streit um ein Bauprojekt, den Oberstadtdirektor [so etwas gab es damals noch in Nordrhein-Westfalen], zu Wort kommen ließ.

Noch in der Silvesternacht rief ich den Kripochef an, den ich gut kannte – er machte dem Erpresser schnell klar, was es juristisch bedeutet, sich als Erpresser zu betätigen. Es dauerte länger, bis sich meine Angst verzog. Warum ich das erzähle? Pressefreiheit ist ein heiliges Gut. Niemals darf sie beschnitten werden, auch nicht im Kleinen. So habe ich Monate gebraucht, um nicht mehr mit der Schere im Kopf zu kämpfen, die mir zuflüsterte: Pass auf, was Du schreibst. Lass das doch weg oder jenes. Mach‘ es Dir einfach. Eck‘ bloß nicht wieder an.

Von der Liste gestrichen

Für politische Journalisten, Wirtschaftsjournalisten ist der Druck alltäglich. Wer etwas schreibt, was Firmen oder Politikern nicht gefällt, muss mit Prügel – im übertragenen Sinne – rechnen. Aber auch Reisejournalisten  kann es treffen. Wehe, sie schreiben mal etwas Kritisches: Sie werden dann gerne von der Einladungsliste gestrichen. Es gibt einen – sehr soliden, sehr guten – Reiseveranstalter in Deutschland, der damit schon droht, wenn in einem Artikel ein Konkurrenzanbieter überhaupt nur erwähnt wird.

Gewiss, Peanuts sind das. Da wird die Pressefreiheit nur leicht angekratzt. Viel schlimmer ist das, was auf Druck der Regierung in Großbritannien mit Journalisten geschieht, die Informationen von Snowden verwendet haben. Oder wie viele Journaslisten-Tode sind in Russland ungeklärt! Ganz zu schweigen von Krisen- und Krisengebieten. 70 Journalisten wurden im angelaufenen Jahr nach Recherchen des  Committee to Protect Journalists bei ihrer Arbeit getötet, davon allein 29 in Syrien. Die Mehrzahl der Opfer sind keine Auslandskorrespondenten, sondern einheimische Journalisten. Bei wie vielen war der Tod – eiskalter Mord?

Das alles ist weit hergeholt, könnte man jetzt denken. Ein wenig Druck auf die Presse hat doch nichts mit Journalistenmorden zu tun. Hat es aber doch. Weil viel zu vielen Menschen die Pressefreiheit angesichts ihrer eigenen Probleme schnurzpiepegal ist. Zu dieser Einstellung tragen die Journalisten selbst viel bei. Die Sitten sind rauher geworden in den letzten 20, 30 Jahren. Als vor gefühlten 20 Jahren das Gerücht aufkam, der damalige Bundeskanzler Kohl habe ein Verhältnis mit seiner Büroleiterin, was das der Presse ein Dutzend Zeilen wert – mehr nicht. Damals war ich richtig stolz auf meine Zunft und erzählte allen, wir hätten schließlich in der deutschen Presse keine britischen Zustände.

Britische Zustände!

Und heute? Beispiel Michael Schumacher. Für seinen Sport habe ich mich nie interessiert. Für ihn als Promi habe ich mich nie erwärmen können. Man muss ja auch einen solchen Speedjunkie nicht mögen. Aber was derzeit mit ihm geschieht, ist einer aufgeklärten, selbstbewussten Presse nicht würdig. Jede Kleinigkeit wird ans Licht gezerrt, jedes noch so alte Archivbild. Jeder A-, B- oder C-Promi wird mit seinem scheinheiligen Mitleid [es gibt auch echtes, tiefes Mitgefühl – aber davon wird die Öffentlichkdeit nichts erfahren] ausgiebig zitiert. Angehörige und Ärzte müssen „die Presse“ regelrecht anflehen, Schumachers Privatsphäre zu respektieren. Diesen Mann in Ruhe wieder gesund werden zu lassen – oder, wenn das Schicksal es so will, in Würde sterben zu lassen.

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