Tagebuch: Weißt Du, wieviel Sternlein stehen…

8 01 2014

Mittwoch, 8. Januar 2014

Jeder kennt so eine Geschichte aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis. Da bucht jemand voller Erwartung ein Vier-Sterne-Hotel und wird am Urlaubsort herb enttäuscht. Das Essen ist alles andere als First Class, das Personal ruppig, das Zimmer schmuddelig. Wer sich auf die Hotelsterne verlässt, ist oft verlassen. Eine europaweite Initiative ist dabei, das zu ändern.

Der Sternenhimmel über den Urlaubsgebieten der Welt funkelt in unterschiedlicher Intensität. Ideal wäre eine einheitliche Klassifizierung für den ganzen Globus. Aber schon in Europa erschweren verschiedene Erwartungen die Vereinheitlichung: Legen Gäste aus skandinavischen Ländern größten Wert auf ein großzügig bemessenes Bett, ist dies den meisten Südeuropäern schnuppe. Franzosen erwarten ein Bidet im Zimmer. Nebenbei: Ohne Eismaschine auf dem Korridor geht bei Amis nichts. Wie solche Hoffnungen in ein Sternekorsett zwingen? Geht gar nicht, sagen beispielsweise die Finnen – und verzichten völlig auf eine Hotelklassifizierung.

Sechs Sterne in Dubai

 Dass die Sterne-Systeme der einzelnen Länder sich häufig nicht miteinander vergleichen lassen, haben Reiseveranstalter längst erkannt und eigene Kennzeichnungen entwickelt. Da gibt es Sonnen [TUI], ein bis 5 „N“ [Neckermann], Rauten [Dertour] und vieles mehr. Auch hier ist Vorsicht angebracht: Streng genommen lassen sich die Sonnen, Ns und Rauten nur in den jeweiligen Regionen vergleichen. Manchmal reicht das vorhandene Fünf-Stufen-Arsenal an Sterne-Ersatz nicht aus – zum Beispiel beim Superluxushotel Burj al Arab in Dubai. Da wurde flugs eine sechste Kategorie kreiert.

Aber die Veranstalter überprüfen die Hotelprädikate jedes Jahr. Das ist beim viel gepriesenen Sterne-System des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes [Dehoha] nicht der Fall. Die verliehenen Sterne – mitsamt einer repräsentativen Tafel neben der Eingangstür – gelten drei Jahre. Dann muss erneut geprüft werden, und zwar alle 270 Punkte aus dem pingeligen Kriterien-Katalog. Das System kennt fünf Stufen: von einem Stern [„Unterkunft für einfache Ansprüche“] bis zu fünf Sternen [„Unterkunft für höchste Ansprüche“]. Liegt ein Hotel in der Bewertung zwischen zwei Stufen, wird zusätzlich zur niedrigeren Stufe ein „Superior“ verliehen. Sechs von zehn Häusern finden sich in der Kategorie drei Sterne [„Unterkunft für gehobene Ansprüche“] wieder. Die Anforderungen sind durchaus hoch [s. Kasten]. Auffallend ist, dass sich ein internationaler Trend auch in Deutschland ausbreitet: Die 4-Sterne-Häuser [Dehoga: „Unterkunft für hohe Ansprüche“] nehmen rasant zu.

System mit Schwachpunkten

Aber das System hat mehrere Schwachpunkte: Erstens sind nicht weniger als 18 regionale Gesellschaften bei der Klassifizierung zugange. Im Saarland ist das zum Beispiel die Förderungsgesellschaft für das saarländische Gaststätten- und Hotelgewerbe mbH, in Mecklenburg-Vorpommern die Hotel- und Gaststätten Marketing GmbH. Auch wenn die Tester nach einheitlichen Kriterien arbeiten, sind da Unschärfen vorprogrammiert. Wie ist es – um nur ein Beispiel zu nennen – zu erklären, dass ein Leser in einem Haus einer internationalen Hotelkette in einer bedeutenden deutschen Messestadt von Service- und Ausstattung enttäuscht ist, obwohl am Eingang das Schild „4 Sterne Superior“ prangt: 90 Minuten Wartezeit an der Rezeption, nicht perfekt sauberes Zimmer, an die Wand geklatschtes Bügelbrett mitsamt Bügeleisen…

Der Dehoga versichert, gegen Ausreißer dieser Art ebenso hart vorzugehen wie gegen Hoteliers, die sich selbst ohne jede Prüfung Fantasie-Sterne verleihen. Das kommt immer wieder vor. Ein anderer Schwachpunkt ist nicht zu übersehen: Die Klassifizierung ist freiwillig, und 60 Prozent der 21000 deutschen Hotels sind nicht klassifiziert. Die einen scheuen die Kosten – je nach Größe des Hauses liegen sie für Nicht-Dehoga-Mitglieder zwischen 520 und 720 Euro -, die anderen wie das komfortable Landhaus „Lösch für Freunde“ in Hornbach/Saarland halten eine solche Prozedur schlicht für überflüssig.

Deutschland liefert Blaupause

Bei allen Schwächen der deutschen Klassifizierung: Sie dient einer europaweiten Initiative zur einheitlichen Hotelkennzeichnung als Blaupause. Dabei handelt es sich erstaunlicherweise nicht um ein Projekt der EU-Kommission, deren Regulierungswut noch nicht einmal vor dem Krümmungsgrad von Bananen halt macht. Sondern eine freiwillige Kooperation europäischer Hotelverbände namens HOTELSTARS UNION. Schirmherr und Dach ist die in Brüssel ansässige HOTREC – Hotels, Restaurants und Cafés in Europa. Der Dachverband vertritt 1,7 Millionen Betriebe mit 9,5 Millionen Arbeitnehmern in 27 europäischen Ländern.

 Nicht alle sind Mitglied der HOTELSTARS UNION, aber immerhin 15: Belgien, Dänemark, Deutschland, Lettland, Litauen, Luxemburg, Malta, Niederlande, Schweden, Schweiz, Österreich, Tschechien und Ungarn. Frankreich und Italien verhalten sich noch abwartend und haben Beobachterstatus. Die Union bedeutet konkret: Ein 3-Sterne-Hotel in Kopenhagen ist mit einem 3-Sterne-Haus auf Kreta vergleichbar. Bis Ende kommenden Jahres sollen in den Mitgliedsländern 21000 Hotels klassifiziert sein, und die Union drängt europaweit Reiseveranstalter und Buchungsportale, die einheitliche Klassifizierung zu übernehmen. Nur ein Punkt der einheitlichen „Klassifizierungsspielregeln“ bereitet Kritikern Kopfzerbrechen. Da ist zu lesen: „Begrenzter Ermessensspielraum gegeben.“

Dieser Bericht aus meiner Feder ist in leicht geänderter Fassung in der Januar-Ausgabe von Clever Reisen erschienen.

Rückblick: Ich schäme mich. Fremd. Für meine Kollegen der Krawall-Berichterstattung. Da muss die Frau des Ex-Rennfahrers Schumacher die Pressemeute zum wiederholten Male bitten, das Krankenhaus, in dem ihr Mann im Koma liegt, zu verlassen, die Ärzte ihre Arbeit tun zu lassen, die Familienmitglieder in Ruhe zu lassen…

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