Tagebuch: trära! trärä! trära!

18 02 2014

Dienstag, 18. Februar 2014:

Ein paar Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges schrieb James Arthur Dugdale, britischer Militär-Staatsanwalt in Aachen, damals britische Besatzungszone, Geschichte: Er entließ einen Inhaftierten – er hatte sich mit einem britischen Soldaten geprügelt – zwei Tage früher als geplant in die Freiheit. Schließlich könne er, so seine Begründung, ihm nicht zumuten, die höchsten rheinischen Feiertage, Karneval, im Gefängnis verbringen.

Der-Orden-klein.png_1477205092Die Idee zur Verleihung des „Ordens wider den tierischen Ernst“ war geboren. Hinter der Idee steckte Jacques Königstein, jahrzehntelang schwergewichtige Graue Eminenz des Aachener Karnevals. Hinter den Kulissen ging es nicht um Humor, um die Freude am rheinischen Frohsinn, sondern um Macht und Einfluss. Ich weiß, wovon ich rede: Ich habe jahrelang für die „Aachener Nachrichten“ über Karnevalsveranstaltungen berichtet, über Rathaus-Stürmungen an Altweiberfastnacht, über Prunksitzungen und über Verleihungen des Ordens wider den tierischen Ernst. Ich war dabei, als Karl-Günther von Hase, legendärer Leiter des Bundespresseamtes [„Ein Communiqué ist wie ein Bikini: verrät viel, verbirgt aber das Wichtigste“], den Orden erhielt, Per Haekkerup, dänischer Landwirtschaftsminister, Hermann Höcherl als Bundeslandwirtschaftsminister, die beiden Bayern Josef Ertl und Franz Xaver Unertl.

Mehrfach wurde ich an den Tisch von Jacques Königstein gerufen und über den grünen Klee gelobt, wenn ich über Königsteins Aachener Karnevals Verein [AKV] ein paar Zeilen mehr geschrieben hatte als über einen Konkurrenzverein – und in Grund und Boden getadelt, wenn in meinen Berichten auch nur ein winziger Hauch von Kritik an einer AKV-Veranstaltung auftauchte. Seitdem ich in Berlin lebe, immerhin seit 1972, meide ich Karnevalsveranstaltungen wie die Pest.

Jaques Königstein hatte übrigens seine Verdienste. Von 1951 bis 1958 moderierte er im WDR die laut Wikipedia „erfolgreichste Rundfunkübertragung der Nachkriegszeit“. Sie hieß „Das ideale Brautpaar“ und war genial. Bei einer Fernseh-Neuauflage des Paar-Spiels scheiterte Königstein erbärmlich.

Verkommen zur Prominentensuche

Zurück zum Orden wider den tierischen Ernst. Die Liste der illustren Preisträger ist lang, die Liste der Ordensträger, bei denen ich Humor vergebens suchte, ebenfalls: Lothar Späth, Edmund Stoiber, Gloria von Thurn und Taxis. Längst ist die Ordensverleihung zur Suche nach möglichst populären Köpfen geworden, Humor hin, Humor her. 2007 erhielt Airberlin-Gründer Joachim Hunold die Auszeichnung, die Verleihung geriet zu einer einzigen, schleimigen Werbeveranstaltung. Dieses Jahr erhielt FDP-Chef Christian Lindner den Preis, der laut Satzung an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens verliehen wird, die „Individualität, Beliebtheit und Mutterwitz in sich vereinen, vor allem aber Humor und Menschlichkeit im Amt bewiesen haben“. Lindner humorvoll? Der lacht doch nur, wenn jemand stürzt.

Ich gebe zu: Als gebürtiger Aachener habe ich gestern mal in die TV-Übertragung der Ordensverleihung hineingeschaut. War das peinlich. Ich habe mich geschämt, fremdgeschämt. Vor allem, als Cem Özdemir, Preisträger vom Vorjahr, die Laudatio hielt. Özdemir und Humor? Und dann immer der enervierende trära! trärä! trära!-Tusch, damit auch der größte Blödmann im Saal merkt, dass da gerade ein Witz gemacht wurde.

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