Tagebuch: Unsägliche Ancillary Fees

28 02 2014

Freitag, 28. Februar 2014

Wissen Sie, was Ancillary Revenues sind? Sie sind zur Zeit der größte Aufreger bei Flugreisen: die Zusatzgebühren, die zum eigentlichen Flugpreis aufgezahlt werden müssen. Die Ancillary Revenues – frei übersetzt: Umsatz durch Nebenleistungen – treiben Reisende und Travelmanager schier zur Verzweiflung. Dirk Gerdom, Präsident des Geschäftsreise-Verbands VDR [kleines Bild rechts]gerdom k, empfiehlt einen Ausweg: Mit den Fluggesellschaften nachdrücklich Pakete zu verhandeln, in denen die ärgerlichen Ancillary Fees bereits enthalten sind. Aber dieser Königsweg hat auch Stolpersteine.

 Der Erfindungsreichtum der Carrier ist unerschöpflich. Es werden Aufschläge gefordert, wenn Reisende ihr Gepäck erst am Flughafen einchecken, ihren Sitzplatz vorab wählen, per Kreditkarte bezahlen oder knurrenden Magens einen Snack ordern. Zusatzkosten werden von Fluggesellschaften und Buchungssystem nicht transparent dargestellt, treiben die Reisekosten extrem in die Höhe – und schwächen die Verhandlungsposition der Reisemanager und (Firmen-)Reisebüros.

Kostet Pipimachen bald Geld?

brusselsDer Trick der Carrier, der Billig-Airlines und der renommierten Fluggesellschaften, ist einfach: Sie stärken ihre Wettbewerbsposition durch – mitunter extrem – niedrige Flugpreise und langen bei den Zusatzgebühren tüchtig zu. Nur diese, da sind sich Fachleute einig, garantieren ihnen schwarze Zahlen. Auch wenn der kostenpflichtige Toilettengang an Bord nur eine Überlegung – oder ein dummer PR-Gag – war, versucht Ryanair mit über 60 Aufschlägen, das Ziel zu erreichen. Der US-Airlineverband A4A spricht sogar von 100 verschiedenen Zusatzkosten seiner Mitglieder. Seit 2009 hat sich der Umsatz durch Zusatzleistungen verdoppelt. 20 bis 30 Prozent des Umsatzes machen bei den verschiedenen Airlines die Zusatzerlöse aus. Spitzenverdiener ist United mit Ancillary Revenues in Höhe von vier Milliarden (!) Euro. Verglichen damit ist Ryanair mit Zusatzeinnahmen von einer Milliarde Euro ein Umsatzzwerg. Selbst die Lufthansa mischt jetzt in diesem Geschäft mit und kassiert bis zu 40 Euro für eine Sitzplatzreservierung und gar bis 60 Euro wegen der größeren Beinfreiheit, wenn der gewünschte Sitzplatz am Notausgang liegt.

Da die Zusatzkosten erst später hinzugerechnet werden, verfügen Fluggesellschaften über eine wichtige Stellschraube. „Weil für Firmenverträge nur Netto-Preise verhandelt werden, haben wir eine schlechtere Verhandlungsposition“, klagt Dirk Gerdom, „auf dem Papier erscheint mein Volumen geringer.“ Deswegen sind für Gerdom „die Zusatzgebühren nichts anderes als eine verdeckte Preiserhöhung“.

A-319-photo002

Ancillary Fees, so assistiert Marcus Scholz, Vizepräsident des Travel Industry Clubs und im Hauptberuf Leiter der Corporate Mobility Services der Dürr AG, „tragen zur Defragmentierung des Flugpreises bei, führen zu Intransparenz und erschweren die Datenkonsolidierung der Unternehmen erheblich“. Die Geschäftskunden leisteten „einen sehr hohen Beitrag zur Auslastung der Airlines“, schon deshalb sollten „im Corporate-Bereich alle originären Leistungen beinhaltet sein“.

 Da stehen Nackenhaare zu Berge!

Während die Trickserei der Carrier den Travelmanagern „die Nackenberge zu Berge stehen lässt“ (Gerdom), könnten Fluggesellschaften auch mit ganz vernünftigen Zusatzleistungen ihre Bilanz aufhübschen. Wohl kein Travelmanager hätte etwas dagegen, für einsehbare Ex- traleistungen zu zahlen: für schnellere Sicherheitskontrollen beispielsweise, ein zweites Handgepäckstück, den freien Mittelsitz oder Gepäckservice zum Hotel oder Heim. Auch denkbar wäre, was derzeit US-Carrier testen, nämlich Abonnements für Gepäck und Beinfreiheit. Statt jedes Mal für Zusatzleistungen zusätzlich zur Kasse gebeten zu werden, sollen Passagiere mit diesen Packages an die Airlines gebunden werden.

Die Unbundling-Praxis der Fluggesellschaften beschert den Firmen nicht nur schwindende Verhandlungsgrundlagen, sondern auch zusätzliche Bürokratie, um die Ausgaben den Kostenstellen zuzuordnen – ganz zu schweigen davon, dass Preisvergleiche schier unmöglich sind. „Der Nebel ist dicht“, klagt Gerdom, „nur jedes zehnte Unternehmen fliegt auf Sicht.“ Diese Firmen setzen auf Rebundled Packages, also „neugebündelte Leistungspakete“. Denn generell, so Scholz, „gilt auch hier: Zwischen Partnern ist alles verhandelbar“. Zwei Drittel der größeren Unternehmen versuchen laut VDR-Geschäftsreiseanalyse 2013, bei neuen Firmenverträgen diesen Weg zu gehen. Allerdings „kommt es hier auf die individuelle Konstellation des Unternehmens, die Verhandlungsposition sowie die generelle Geschäftsbeziehung zwischen den beiden Partnern an“. Das sind viele Stolpersteine auf dem wohl einzig richtigen Ausweg aus dem Dilemma. Der VDR-Präsident: „Durch Rebundled Packages als Teil des Leistungsträgerabkommens steigt das verhandelbare Volumen wieder und die Kosten werden transparent.“

IMG_0087

Ärgerlich: Praxis der Lufthansa

Indessen nimmt der Ärger des VDR-Präsidenten über die Ancillary Revenues kein Ende: „Unser jüngstes Ärgernis sind die Kerosinzuschläge, die die Lufthansa seit August 2013 auf Langstreckenflüge differenziert nach Serviceklassen erhebt.“ Dirk Gerdom: „Seit Februar 2013 sinken die Kerosinpreise weltweit, wie den Preisinformationen der US Energy Information Administration zu entnehmen ist.“ Außerdem habe seit 1990 der Treibstoffverbrauch in der Airlinebranche fast um die Hälfte gesenkt werden können – „ein Ergebnis, mit dem die Fluggesellschaften zu Recht Werbung für sich machen“. Aus diesen Gründen ist es für den VDR „nicht nachvollziehbar, warum die Zuschläge für Treibstoff angehoben werden“. Zumal der Treibstoff nach Meinung des VDR und seines Präsidenten „zur Beförderungsleistung gehört und deshalb vollumfänglich im Ticketpreis enthalten sein müsste.“

Advertisements

Aktionen

Information

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s




%d Bloggern gefällt das: