Tagebuch: Ministerin 2.0

18 06 2014

Mittwoch, 18. Juni 2014

Sie kam 20 Minuten nach dem Termin. So etwas macht man nicht, auch nicht als Ministerin. Es sei denn, man hat einen triftigen Grund. Den nannte die tunesische Tourismusministerin nicht.

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Das ist aber das einzige, was ich Amel Karboul vorwerfen kann. Das Gespräch mit ihr war [herz-]erfrischend. Nicht weil uns da eine junge, elegante, hübsche Frau gegenübersaß. Sondern weil ich noch nie eine solch reflektierende und solch [selbst-]kritische Tourismusministerin [oder einen Tourismusminister] erlebt habe. Frau Karboul klopfte sich nicht unablässig auf die Schulter, im Gegenteil. Die Tatsache, dass sie offensichtlich parteipolitisch nicht gebunden ist, macht ihr ein solches Verhalten natürlich leichter.

Der Kommunikation standen auch keine Hürden im Wege: Ministerin Karboul spricht fließend Deutsch; auch in sprachlichen Nuancen ist sie ihren deutschen Gesprächspartnern gewachsen – wenn nicht gar überlegen. Sie hat in Deutschland studiert und einen Masterabschluss der Universität Karlsruhe – in Maschinenbau. 2007 gründete sie ihr eigenes Unternehmen „Change, Leadership & Partners“ mit Hauptsitz in Köln und Niederlassungen in London und Tunis, dessen Vorstand sie heute noch ist. Zudem ist sie mit einem Deutschen verheiratet und hat zwei Töchter, fünf und zehn.

Entscheidungen dauern zu lange

Tunesien, sagt sie, habe „einen unglaublichen Reichtum“ an Kultur und Natur – um gleich hinzuzufügen: „Ist das glaubhaft, wenn das eine Tourismusministerin sagt?“ Aus diesem Reichtum habe das Reiseland Tunesien in der Vergangenheit zu wenig gemacht. Gerade nach der Jasminrevolution werde bei dem Versuch, den Tourismus wieder auf die Beine zu stellen, zu kurzfristig gedacht. Sie hat Verständnis dafür, dass Hoteliers stets an die nächste Saison denken und sie die Frage bewegt, ob sie ihre Betten voll bekommen. Aber sie persönlich habe gelernt, „langfristig zu denken“. Dabei würden zu wenige touristische Produkte entwickelt. Andererseits „dauern Entscheidungen in meinem Land viel zu lange.“ Und: „Was mir auf den Tisch kommt, könnte oft drei Etagen darunter entschieden werden.“

„Ich habe viele Fehler gemacht“, gibt die Ministerin unumwunden zu. So hatte sie gedacht, sie könne „das Ministerium zu leiten wie der Generaldirektor eines Unternehmens“. Doch das öffentliche Leben in Tunesien hat mehr Facetten, als dass sie sich in ein solches Schema pressen ließen. Bei allem Frust, bei allen Widerständen auch im eigenen Land: „Ich bin jeden Morgen motiviert!“ betont die Ministerin. Ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Ministerium spricht sie höchstes Lob aus: „Wir arbeiten alle hart, sehr hart.“

Tunesien hat ein Flugprogramm

Amel Karboul ist zu klug um zu leugnen, was faul ist im Staate Tunesien. Pragmatisch will sie in kleinen Schritten Missstände abbauen, die den Tourismus berühren. Das Land muss sauberer werden. Die Flughäfen müssen besser funktionieren. Das Taxiwesen sollte besser funktionieren. „Das mit dem Gepäck muss schneller gehen“, fordert zudem die Ministerin. 100 neue Saisonangestellte beim Gepäcktransport sollen Abhilfe schaffen. Auch Tunis wird, wie sie betont“ bislang „nicht promotet“. Dabei ist Tunis eine der wenigen Hauptstädte am Mittelmeer.

Die Ministerin ist überzeugt, mehr, sogar viel mehr Touristen ins Land holen zu können, wenn es da nicht ein Hindernis gäbe: „Wir haben ein Flugproblem.“ Es gibt einfach zu wenig Flüge von Deutschland nach Tunesien. Sie spricht jetzt mit Easyjet. Und vielleicht tut sich ja auch etwas bei Tunisair: Die Fluggesellschaft habe jetzt, so schmunzelt die Ministerin, eine Frau als Chef.

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