Tagebuch: Diva im Regen

29 07 2014

Dienstag, 29. Juli 2014

War die Diva Zarah Leander den braunen Machthabern in Deutschland verfallen? Wurde sie von ihnen als Spionin immer wieder in ihr Heimatland geschickt? Spionierte sie sogar für die Sowjetunion? Mit solchen Fragen befasste sich eine Dokumentation, die gestern Abend im Ersten lief. „Die Akte Zarah Leander“ war der Titel des TV-Beitrags.

51TOmoYIujL._AA160_Muss es immer gleich eine Akte sein? Der TV-Film war eine solide Arbeit, die erst gar kein wohliges Gefühl bei den Liedern des Revuestars mit der tiefen Stimme aufkommen ließ: Sie wurden mitunter abrupt nach den ersten Takten ausgeblendet. Für die Jüngeren unter den blog-Lesern: Man mag Leanders Art, sich zu präsentieren, manieriert finden, ihre Lieder altmodisch, die Texte verquast. Wer aber damit aufgewachsen ist wie ich empfindet bei Liedern wie „Davon geht die Welt nicht unter“, „Mein Leben für die Liebe – Jawohl!“ oder gar „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder gescheh’n“ so etwas wie Rührung, eine Art wohliger Geborgenheit – bis sich der Verstand einschaltet und darauf aufmerksam macht, wann und wo und vielleicht auch wozu diese Songs entstanden sind.

Der Film ist handwerklich gut, zitiert intelligente Leute und kommt zu dem Schluss, dass die Diva süchtig war nach dem Rampenlicht. Und auch noch, als sie über 70 und schon ein wenig klapprig war, auf den immer kleiner werdenden Bühnen sang und sang… Aber wieso „Akte“? Zwar wurde hin und wieder in der Akte des schwedischen Geheimdienstes über die in Deutschland damals so berühmte Diva geblättert. Das brachte aber nichts Erhellendes und taugte auch nicht zum Roten Faden.

Dass Zarah Leander seit Jahrzehnten und bis heute noch in der Schwulen- und Lesbenszene als Ikone verehrt worden ist und wird, erwähnte der Film nur mit einem Satz. Fast so, als wäre das noch ein weiterer unerklärlicher Fehltritt der Diva.

220px-Zarah_LeanderZarah Leander lebte von 1907 bis 1981. Mein Vater schätzte die Leander. Ich hatte als Heranwachsender fast alle Filme gesehen, die man damals sehen konnte, und ich kannte alle Lieder. Es war 1987 oder 88, als Zarah Leander in meiner Heimatstadt Aachen gastierte und ich sie für die Aachener Nachrichten interviewen durfte. Was war ich aufgeregt. Ich weiß nicht mehr, was ich sie gefragt habe, aber einmal antwortete sie: „Junger Mann, wenn Sie einmal so alt sind wie ich, sehen Sie das gelassener…“ Und sie lud mich und meine Frau zu ihrer abendlichen Show in eine kleine Revuebar ein, deren Namen ich vergessen habe.

Wir machten uns fein und freuten uns wie die Schneekönigin. Es gab Champagner und Hochspannung. Und da stand sie auf der Bühne, das bodenlange Kleid voller Glitzer und Glitter, das Gesicht zehn Jahre jünger wirkend, die Bewegungen elegant und alles andere als klapprig. Sie habe eine unglaubliche Bühnenpräsenz gehabt, wurde im Film eine Biografin zitiert. Die hatte sie – ich habe das bisher nur an wenigen Menschen festgestellt, an Otto Sander, Bruno Ganz, oder, viel stärker, an Gerd Voss, den ich nur einmal gesehen habe. Oder – für die Älteren – an René Deltgen. Die Leander – wow!

Da stand sie, ganz ins Scheinwerferlicht versunken. Stolz in dem Bewusstsein, dass sie in diesem Land einmal geliebt worden ist. Und dass sie mit dem Film „Die große Liebe“ den [bis heute noch!] wirtschaftlich erfolgreichsten Film Deutschlands gedreht hat. Einfühlsam begleitete sie ihr [dritter] Mann Arne Hülphers am Flügel, als sie das Lied „Ich steh‘ im Regen“ anstimmte. Da rief ein Mann aus dem Publikum: „Gnädige Frau, wir stehen auch im Regen – so heiß ist es hier!“ Da war der ganze Zauber futsch.

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