Tagebuch: der Pegel

18 09 2014

Donnerstag, 18. September 2014

Wahrscheinlich werde ich aus Bayern als Persona non grata ausgewiesen. Und die Wiedereinreise wird mir verweigert. Denn ich schreibe jetzt Despektierliches über das, was in Bayern, vor allem in München, als das Allerheiligste gilt.

Deko 1Nein, nicht über König Horst I., genannt Der Seehofer. Sondern über das Oktoberfest. Wegen eines grippalen Infektes hänge ich derzeit in München fest. Eigentlich wäre ich längst zurück in Berlin, wohltuend weit weg vom Oktoberfest. Nun aber bin ich noch hier, und jedermann stellt mir die Frage, ob ich denn „zur Wies’n“ noch da sei.

Also, die Wies’n und das Oktoberfest, die sind identisch. Und das Oktoberfest findet nicht im Oktober statt, sondern im September. Sonst wär’s zu kalt. Das ist wie mit dem Geburtstag der englischen Königin, der auch nicht an ihrem Geburtstag gefeiert wird, sondern dann, wenn es in London [mal] etwas wärmer ist.

Das septemberliche Oktoberfest ist mit 6 Millionen Besuchern das größte Volksfest der Welt. Und findet jetzt zum 181. Mal statt. Über nichts anderes wird geredet zur Zeit in der Hauptstadt Bayerns – egal ob von drei Opas auf der Parkbank, an den Tischen der Studentenkneipe oder im privaten Kreis.Das Foto rechts zeigt eine Münchner Schaufenster-Dekoration zum Oktoberfest…

Und die Zeitungen diskutieren mit. Meint Petrus es gut mit der Wies’n? Was kostet dieses Jahr das Maß Bier? Ob Münchens neuer OB es schafft, mit zwei Schlägen den Hahn ins Fass zu treiben? Das sind die Fragen, die Bayern derzeit bewegen. Für die Dauer des Oktoberfests sind Prinz Alexander der Ungeschickte, vulgo Dobrindt, und Kronprinzessin Christine, Die Haderthauer, auch Die Gestolperte genannt, aus den Schlagzeilen verschwunden.

Deko 2

Ich weiß: Man soll nie nie sagen. Einmal in meinem Leben habe ich das Oktoberfest besucht. Der Eindruck war so schrecklich, dass ich mir geschworen habe: nie wieder! Auch nicht, wenn ich mit Waffengewalt dazu gezwungen werden sollte. „Du hast ja auch einen Fehler gemacht“, erklärte mir ein [Münchner] Freund gestern: „Du hattest keinen Pegel.“ Nur mit einem Alkoholpegel sei das Oktoberfest zu ertragen, dann aber mit Genuss.

Und so sprachen wir ein, zwei Stunden über das Oktoberfest. Was da so alles passiert; jeder kannte eine Schauergeschichte. Was für Musik in den Festzelten gespielt wird. Wann man auf Bänken und Tischen tanzt. Wie Firmen mit ihren ganzen Belegschaften das Fest besuchen. Was es bedeutet, seine Geschäftsfreunde dorthin einzuladen.

Und: Was man anzieht! Man geht doch nicht in Straßenkleidung dorthin. Sondern in Tracht, sie mit Dirndl, er mit Lederhose. Der Freund hatte sich für 200 Euro eine Grundausstattung gekauft: Oberteil, Halstuch, Lederhose, Strümpfe, Schuhe. Als Rheinländer bin ich ja [oder war ich] an Verkleidungen gewöhnt. Die Schilderung hätte mir also Spaß machen müssen. Hat sie aber nicht. Wegen der Erkältung hatte ich keinen Pegel.

Deko 3

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