Tagebuch: Landleben? Bulgarien II

23 09 2014

Dienstag, 23. September 2014

Was würden Sie denken, wenn Sie als Journalist eingeladen würden, „Kultur- und Dorftourismus“ in einem Land kennen zu lernen? Kulturtourismus – klar, abgehakt. Aber Dorftourismus? Au fein, dachte ich, als ich kürzlich unter dieser Überschrift nach Bulgarien eingeladen wurde.

gggggg

Da lerne ich das ländliche Leben der Bulgaren kennen, weit abseits der boomenden Schwarzmeer-Badeorte. Da erfahre ich, wie die Bulgaren auf dem Land leben, ob ihre Dorfgemeinschaften noch intakt sind und ob sie leerstehende Bauernhof-Kammern an Urlauber vermieten. Auf den Kontakt mit der [ländlichen] Bevölkerung freue ich mich.

Wie war im Programm zu lesen? Das bulgarische Dorf ist der hehre Bewahrer der Traditionen, der Geschichte und der Bräuche Bulgariens. Prima, dachte ich, genau das Thema, das ich suche.

Aber Horst denkt, der Gastgeber lenkt.

aaaaa

300 Kilometer fuhren wir von unserer ersten Reisestation, der wundervollen Hauptstadt Sofia, am zweiten Tag hinauf in den Norden. Das Dorf Sabotkovtzi war unser Ziel, dessen wesentliches Merkmal laut Programm in der erhaltenen authentischen Atmosphäre der bulgarischen Wiedergeburt besteht.

ddddd

Bulgarische Wiedergeburt? Aus Wikipedia: Die Bulgarische Nationale Wiedergeburt war eine Periode des sozio-ökonomischen Wachstums und der nationalen Einigung des bulgarischen Volkes während der 500-jährigen osmanischen Herrschaft…Der Beginn der Periode wird auf das Erscheinen des ersten geschriebenen bulgarischen Geschichtsbuchs von Paisi Hilendarski „Istorija Slawjanobolgarska“ („Geschichte der Slavobulgaren“) datiert und dauerte über ein Jahrhundert bis zur Befreiung und Gründung des Fürstentums Bulgarien 1878 als Folge des Russisch-Türkischen Krieges von 1877 bis 1878, der in Bulgarien auch als „Russisch-Türkischer Befreiungskrieg“ bezeichnet wird.

eeeeeGeschichte sollte uns also präsentiert werden, nicht die ländliche Gegenwart. Von dieser Wiedergeburt war während der Reise viel die Rede. Herrliche Architektur aus dieser Zeit bekamen wir zu sehen. Aber mit „ländlichem Tourismus“ hatte das nicht viel zu tun.

So waren unsere Gastgeber in Sabotkovtzi Mitarbeiter einer Firma, die auf Landerleben spezialisiert war. Freundliche Leute waren das, im Kern eine Familie. Dazu gehörten zwei wunderschöne Töchter, von denen eine gar keine Tochter, sondern eine Angestellte war.

Wir durften: unsere Tomaten für den typisch bulgarischen Schopka-Salat selbst ernten, zusehen, wie Joghurt gewonnen wurde, rustikal und traditionell essen, uns verkleiden und historische Trachten überstülpen, auf braven Pferden reiten, mit Pfeilen auf [unechte] Wildtiere schießen. Und Fotos machen, Fotos, Fotos und noch einmal Fotos.

fffffiiiii

Mit anderen Worten: Die vielen Stunden, die wir in Sabotkovtzi verbrachten, waren gelinde gesagt Touristengaudi oder – hart gesagt – Touristensch… Ein, zwei Stunden hätten als Zwischenstopp genügt. Mit dem Leben der Bulgaren auf dem Lande von heute hatte das nichts zu tun.

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