Tagebuch: Marketing-Madonna – Bulgarien IV

7 10 2014

Dienstag, 7. Oktober 2014

Dieser vierte und letzte Text meiner Reise durch Bulgarien ist an 3. Oktober im Internet-Portal von touristik aktuell erschienen und am gestrigen Montag in der Print-Ausgabe der Fachzeitschrift. Also:

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Im Guiness-Buch der Rekorde: die Madonna von Haskovo

Eine Madonna soll es richten. Sie ist 14 Meter hoch, steht auf einem 17 Meter hohen Sockel und überragt seit genau zehn Jahren die südbulgarische Stadt Haskovo. Nebenan gewährt ein 30 Meter hoher Glockenturm Touristen einen weiten Blick über die Stadt. Da die Riesenmadonna als größte ihrer Art einen Eintrag ins Guinness-Buch der Rekorde ergattert hat, ist Krasimir Pilev, Chef der örtlichen Touristinformation, von ihrer Anziehungskraft über-zeugt. „Sie ist mein Marketingschwerpunkt“, sagt er.

Dabei bieten Stadt und Region, derzeit pro Jahr von nur 2000 deutschen Urlaubern besucht, mehr als die ohne jeden künstlerischen Anspruch gestaltete Madonna. Die quirlige Stadt ist ein idealer Standpunkt für Ausflüge ins reiche Kulturerbe – nämlich zu den thrakischen Königsgräbern. Thraker waren indogermanische Stämme, die sich auf dem Balkan ansiedelten, aber nie ein einheitliches Reich bildeten. Im weiten Rund um Haskovo liegen mehrere Königs- oder Adelsgräber. Das Grab von Alexandrovo, 20 Kilometer von Haskovo, wurde erst im Jahr 2000 gefunden. Das Originalgrab mit prächtigen Wandmalereien ist für Nichtfachleute gesperrt. Ein Nachbau steht im benachbarten Museum für thrakische Kultur, das 2009 mit japanischer Millionenhilfe errichtet worden ist. Es informiert – museumsdidaktisch auf dem neuesten Stand – kurzweilig über die Kultur im „Tal der thrakischen Könige“, wie Archäologen die Region genannt haben. Pilev rechnet damit, dass das Königsgrab im kommenden Jahr auf die Liste des Unesco-Weltkulturerbes gesetzt wird.

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Kopie im Museum: das Grab von Alexandrovo

Das thrakische Grab von Kazanlak, 1944 durch Zufall von zwei Soldaten entdeckt, besitzt längst – übrigens damals als erste Sehenswürdigkeit des Landes – den Unesco-Status. Die größte und am besten erhaltene thrakische Grabstätte ist mit ihrer opulenten Wandmalerei ebenfalls nachgebildet worden, um das Original vor Schäden zu bewahren. Das Originalgrab vom Ende des 4./Anfang 3. Jh. v.Chr. durfte noch bis Februar dieses Jahres besucht werden, aber die nebenan liegende Rekonstruktion ist bis ins kleinste Detail getreu.

Der perfekt erhaltene Kopf einer Bronzestatue ist einer der reichen Funde im Grab des thrakischen Königs Seuthes III. bei Goljama Kosmatka, das vor zehn Jahren unbeschädigt entdeckt wurde. Im Gegensatz zu vielen anderen Gräbern hatten Grabräuber die Anlage nicht heimgesucht. Deshalb fanden die Archäologen eine goldene Krone, einen Goldring, Opferbecher aus Silber, Teile von Rüstungen aus Gold und Silber und Pferdegeschirr. Der König war mit zwei Pferden und einem Hund begraben worden. Auch dieses Grab aus dem 5. Jh. v. Chr. wurde zum Schutz vor Besuchern komplett geklont – einschließlich der Wandmalereien und der akustischen Überraschung in der Rundkammer: Wer auf einem bestimmt Punkt in der Mitte des engen Raumes steht, hört jedes Geräusch besonders intensiv und mit einem merkwürdigen Hall versehen.

dddddBronzekopf von König Seuthes III

Erst seit fünf Jahren bemüht sich das kleine Team der Touristinformation von Haskovo um Touristen. Mit dem Angebot an Zeugnissen thrakischer Kultur ist das Potenzial bei weitem nicht ausgeschöpft. Bei konsequenter Vermarktung ließen sich gewiss viele Individualurlauber zu Rundreisen auf eigene Faust durchs Tal der thrakischen Könige verleiten. Für die Supermadonna reichte dann ein kurzer Fotostop.

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