Tagebuch: Weltenbruch

15 10 2014

Mittwoch, 15. Oktober 2014

70 Millionen Soldaten standen sich im Ersten Weltkrieg gegenüber. Jeder siebte verlor sein Leben, 20 Millionen wurden verwundet und zum Teil entsetzlich entstellt. Der Krieg forderte sieben Million Zivilisten, allein in Deutschland gab es in einem der Kriegsjahre 700.000 Hungertote.

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Entsetzliches Leid! Der „Weltenbruch“ begann vor 100 Jahren. Weltenbruch – so heißt auch eine kostbare Ausstellung im Berliner Brücke-Museum. Sie zeigt [noch bis zum 16. November] Werke der Brücke-Maler Erich Heckel, Ernst Ludwig Kirchner, Otto Mueller, Emil Nolde, Max Pechstein und Karl Schmidt-Rottluff, die in den Kriegsjahren entstanden sind oder mit dem Thema zusammenhängen.

DSCN3829Brücke? Die Künstlergruppe „Brücke“ wurde 1905 in Dresden, und nicht in Berlin, von Ernst Ludwig Kirchner, Fritz Bleyl, Erich Heckel und Karl Schmidt-Rottluff gegründet. Ein Jahr später stießen Max Pechstein und Emil Nolde dazu, 1910 schloss sich Otto Mueller an. Bleyl schied recht bald wieder aus und verschwand in der Versenkung. Die Brücke-Maler begründeten den deutschen Expressionismus.

Aus Wikipedia, kaum besser zu formulieren: Im Expressionismus der „Brücke“ streben Farbe und Form nach dem reinen Ausdruck. Die gemalten Motive wie Landschaft oder Akte in der Natur beziehungsweise in freier Bewegung wurden zum Ausdrucksträger für das innere Erleben der Welt und die subjektive Empfindung der Künstler. Formal wurde diese Steigerung des Ausdrucks erreicht durch die Reduzierung der Formen auf das Wesentliche. Die traditionelle Perspektive und die akademischen Proportionen wurden aufgegeben, was die Unmittelbarkeit noch steigerte. Die Auseinandersetzung mit Kunst der Naturvölker gab hier wichtige Anregungen. Auch die Farbe löste sich bald von der Natur und wurde zum reinen Ausdruck der Emotion: leuchtend wurde sie in impulsiven, spontanen Gesten aufgetragen. Ja!

Das Brücke-Museum in Dahlem wurde vor 45 Jahren gegründet und besitzt heute die größte Sammlung von Brücke-Expressionisten. Übrigens habe ich noch nirgendwo in Berlin ein derart freundliches Museumspersonal getroffen. Entspannt sind die Leute, freundlich, gar herzlich. Mein Kompliment!

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DSCN3827Zur Ausstellung: Auffallend ist, dass die Brücke-Künstler kaum anklagende oder gar grausame oder grauenhafte Kriegsbilder gemalt oder gezeichnet haben. Das Grauen kommt nur am Rande vor, indirekt. Es ist so, als hätten sich die Künstler – gerade jetzt! – auf Ideale besonnen, auf ihre „Sendung“. Doch manchmal schimmert das Grauen durch. Mich hat ein [Selbst-]Porträt von Kirchner bis ins Mark berührt. Die Zeichnung ist mit zittriger Hand ausgeführt. Der Künstler hatte sich als Freiwilliger in den Krieg gemeldet, 1915 erlitt er einen Nervenzusammenbruch und wurde beurlaubt. Wegen seiner Abhängigkeit von Veronal und Morphin wurde er in Sanatorien behandelt.

Nie wieder Krieg! Dezenter und zugleich nachdrücklicher als diese Ausstellung könnte das den Betonköpfen nicht ins Gehirn gehämmert werden. Aber haben Sie schon einmal einen Bundestagsabgeordneten in solch einem Museum gesehen?

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