Tagebuch: Brandauers neue Kleider

17 10 2014

Freitag, 17. Oktober 2014

Zwei Titanen des Theaters: der Mime Karl-Maria Brandauer und der Regisseur Peter Stein. Beide haben überall in der Welt Triumpfe gefeiert, beiden lag das Publikum zu Füßen. Unter Steins Regie spielte kürzlich Brandauer Samuel Becketts Ein-Personen-Stück „Das letzte Band“. Ich freute mich auf die Vorstellung im Theater am Schiffbauerdamm. Die Handlung, wie ich sie gesehen habe [und nicht wie schlaue Feuilleton-Schreiber sie deuten]: ein alter, gebrechlicher Mann in viel zu großen Kleidern, die an einen Clown erinnern, sitzt still vor sich hin. Ab und zu macht er unkontrollierte Bewegungen, als lenke ihn eine fremde Macht. Sehbehindert ist der Mann und schwerhörig. Und offensichtlich schwer erkältet oder dauerhustend. Auf jeden Fall hustet er immer wieder fast bis zum K… Das aber bleibt dem Publikum erspart. [Wenn ich das gewusst hätte, hätte ich mir – selbst schwer erkältet – vor dem Theaterbesuch nicht eine ziemliche Dosis Kodein eingepfiffen, um während der Vorstellung nicht zu husten. Das wäre bei Brandauers Ausschleimen gar nicht aufgefallen.]

Die symbolische Banane

Auf einmal steht der Mann auf – mit roboterhaften Bewegungen, denn er ist ja alt [!] -, zieht einen Schlüsselbund aus der Tasche, sucht mühsam einen kleinen Schlüssel, schleppt sich um den Tisch herum, schließt eine kleine Schublade auf und entnimmt ihr eine Banane. Die schält er, wirft die Schale achtlos weg [um später darauf auszurutschen, Millowitsch hätte es nicht besser machen können…], stopft sich die Banane in den Mund und stolziert mit ihr herum, sie langsam essend, ohne die Hände zu gebrauchen. Die Banane ragt auf wie ein Penis.

Das letzte BandEine halbe Stunde ist rum, und nichts ist geschehen. Die Szene, die mit der Banane, wiederholt sich noch einmal. Übrigens verschwindet der alte Mann ab und zu hinter dem Vorhang, der die rückwärtige Kulisse bildet, man hört einen Korken plopsen und Gläser klingen. Aha, der alte Mann ist auch noch ein Trinker.

Ich mache es kurz: Der Mann findet in einer Kladde die Notiz über eine Tonbandspule, die er abspielt. Er hört die Stimme eines jungen Mannes, der von einer Geliebten schwärmt. Das ist er selbst, vor drei Jahrzehnten oder mehr. Offensichtlich hat er akustisches Tagebuch geführt. Heute akzeptiert er nicht, was er damals gesagt hat, oder er versteht das nicht. Er hört sich die Stelle immer wieder an. Er bekommt Tobsuchtsanfälle, wirft die Schachteln mit den Tonbändern durch die Gegend und schreit. Aber wenn er wenigstens toben würde. Er schreit mit Fistelstimme herum und ist kaum zu verstehen.

Keine standing ovations

Wenn’s nicht der Brandauer gewesen wäre und der Stein im Hintergrund: Ich hätte die Aufführung für den Versuch einer städtischen Bühne in der Provinz gehalten, mal großes Theater zu spielen. Den misslungenen Versuch! Als das letzte Band nach eineinhalb Stunden endet, ist der Beifall verhalten. Drei, vier Vorhänge, keine standing ovations. Ich hätte gerne laut protestiert. Aber erstens hätte ich mich das nicht getraut. Und zweitens hätte ich die alte Dame neben mir erschreckt. Der war schon zweimal die Handtasche runtergefallen, weil sie eingenickt war.

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