Tagebuch: Die Blonde an meiner Schulter

21 10 2014

Was ich bei meinen vielen Reisen mit dem Fernbus so erlebt habe: ein Bericht in Clever Reisen Nr. 4/2014 Dienstag, 21. Oktober 2014

DSCN3292Am Anfang wurde ich belächelt. Oder als Geizhals abgestempelt. Immer, wenn es mich nach München zog, wählte ich einen Fernbus statt Bahn oder Flugzeug. Aber inzwischen ist das Reisen mit Fernbussen quer durch Deutschland oder gar ins Ausland salonfähig geworden. Und ich habe so alle Firmen durch. Grund für den Chefredakteur von Clever Reisen, Jürgen Zupancic [Foto rechts, der Mann mit Helm], mich mit einem Erfahrungsbericht zu beauftragen. Dafür räumte er im Heft 4/2014 [also im taufrischen Oktoberheft] seiner – gut gemachten! – Zeitschrift zwei Seiten ein. Hier der Bericht:

yyyWenn die Angebetete in München wohnt, man selbst aber in Berlin, ist Pendeln angesagt. Da kam mir die Liberalisierung des Fernbusverkehrs gerade recht: Seit Beginn vorigen Jahres lege ich die Strecke Berlin-München und zurück einmal im Monat mit dem Fernbus zurück – zu Fahrpreisen, von denen ich früher kaum geträumt hätte. Hin- und Rückfahrt für 60 Euro? Gebucht. Es geht auch billiger.

Natürlich sind das Kampfpreise. Experten sagen, bisher habe noch kein Unternehmen schwarze Zahlen geschrieben. Sie rechnen mittelfristig mit einer Marktbereinigung. Über den preiswertesten Trip informiert ein halbes Dutzend Vergleichsportale. Ich ziehe immer mehrere zu Rate, denn nicht jedes Portal bewertet die Preise jeden Anbieters und jeder Bus-linie. Das Vergleichs- und Buchungsportal Fahrtenfuchs.de spricht von über 30 nationalen Busunternehmen und 30.000 Fernbusfahrten pro Monat. Das sind 10.000 mehr als zum Jahresbeginn.

Da werden Haltestellen knapp. Der Berliner Zentrale Omnibus Bahnhof (ZOB), von dem ich meine Reise antrete, ist eine der Ausnahmen. Er ist zwar alt und altmodisch, aber hier gibt es einen Wartesaal, Kioske, eine (teure) Toilette und vor allem: Anzeigen. So finde ich trotz des Gedränges – ab Berlin starten weit über 2.000 Fernbusse pro Woche – meinen Flixbus schnell. Auch München hat einen funktionierenden ZOB, Hamburg ebenfalls. Schlecht schneiden Frankfurt/Main und Köln ab – ganz schlecht mancher Zwischenhalt, wo es oft keine Haltebucht, geschweige denn ein regensicheres Wartehäuschen gibt. Allzu oft muss der Bus verkehrsgefährdend auf der Fahrbahn halten.

Der Mangel hat dafür gesorgt, dass jetzt erbitterte Konkurrenten in den betreffenden Kom-munen gemeinsam um Verbesserungen kämpfen, beispielsweise ADAC Postbus und Mein Fernbus. Witzig: Das hat ausgerechnet die Bahn auf den Plan gebracht, die durch den Fernbusverkehr empfindliche Einbußen hinnehmen musste [Experten sprechen von 1,5 Prozent des Umsatzes]: Jetzt will sie für die Buskonkurrenz kleine Busbahnhöfe bauen und betreiben.

Zurück zum ZOB Berlin: Was für ein Gedränge, schon eine halbe Stunde vor der Abfahrt. Es ist die übliche Mischung: Rentnerinnen, die vom Verwandtenbesuch heimkehren, Seniorenpaare, die das preiswerte Reisen sichtlich genießen, junges Volk auf einem Trip durch Deutschland. Nur jeder zehnte ist auf Geschäftsreise, wobei Studenten auf dem Weg in ihre Unistadt mitgerechnet sind. Gerade die jüngeren Mitfahrer freuen sich darüber, dass ausreichend Steckdosen und funktionierendes W-Lan heute zur Standardausstattung der Fernbusse gehören.

Linienbus 1

Noch nie habe ich auf einer der Busreisen schlechte Stimmung erlebt, selbst dann nicht, wenn der Bus im Stau stecken bleibt. Höchstens bei der Platzwahl kommt ein wenig Unmut auf, wenn jemand unbedingt einen Fensterplatz vorne oder – bei Doppeldeckern – einen Platz im Oberdeck haben will. Da macht es das Unternehmen ADAC Postbus seinen Kunden leichter: Man kann einen festen Sitzplatz buchen, oder das Buchungssystem vergibt einen Platz. „Dauschen is immer möglisch“, versichert die perfekt Sächsisch näselnde freundliche Dame im Callcenter.

Ich habe da einen Trick: Meinen Koffer lasse ich erst mal draußen stehen, zeige dem Fahrer mein Ticket und suche mir einen Platz. Erst dann gebe ich meinen Koffer auf. Bei den meisten Linien ist der kostenlos, einzig BerlinLinienBus verlangt je einen Euro für die ersten beiden Gepäckstücke. Bei mehr Gepäck wird’s teurer. Dafür verläuft die Gepäckannahme und –ausgabe bei keinem anderen Unternehmen so ruhig und friedlich.

Heute habe ich Glück. Statt einer bayerischen Großmutter, die mich sieben Stunden mit – für mich streckenweise unverständlichem – Geplauder belegt, setzt sich eine junge, blonde Dame auf den Platz neben mir. Sie spricht allerdings kein Wort mit mir und scheint sehr müde zu sein. Denn kaum fährt der Bus, als sie auch schon einschläft. Langsam bewegt sich ihr Kopf in meine Richtung, bis er auf meiner Schulter liegenbleibt. Da liegt er nun, und ich wage nicht, mich zu bewegen.

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Dabei ist eine Fernbusfahrt normalerweise nicht unbequem, es sei denn, die Passagiere schleppen zu viel Handgepäck ins Businnere. Bequemlichkeit bescheinigte kürzlich die Stif-tung Warentest den Bussen der neun großen Anbieter, die sie getestet hat: Flixbus [Sieger mit dem besten „gut“], ADAC Postbus, BerlinLinienBus, IC Bus, City2City, Mein Fernbus [die allesamt ein „gut“ erhielten] und Publik Express, Dein Bus, Eurolines [die „befriedigend“ bewertet wurden]. Auch mit der Pünktlichkeit waren die Tester zufrieden: Nur drei Prozent der Fahrten hatte Verspätungen von über 30 Minuten. Gesamturteil der Tester: „erfreulich“. Sie beanstandeten lediglich einige Allgemeine Geschäftsbedingungen, die jetzt auch auf Druck der Verbraucherberatungsstellen nachgebessert werden.

Das hat nichts mit den im Vorjahr eingeführten Fahrgastrechten für Busreisende zu tun. Bei Verspätungen oder gar Ausfällen der Fahrten sind Busreisende wesentlich schlechter gestellt als Bagnfahrer. Bahnreisenden stehen ab 60 Minuten Verspätung 25 Prozent des Fahrpreises zu, ab 120 Minuten die Hälfte – auch bei höherer Gewalt, z.B. einem Unwetter. Wer mit dem Bus fährt, hat ohnehin erst bei einer Strecke über 250 Kilometer ein Anrecht auf Entschädigung. Verzögert sich die Abfahrt um mehr als zwei Stunden, ist die Fahrt überbucht oder wird sie annulliert, muss das Busunternehmen die Erstattung des Fahrpreises oder die Weiterreise auf anderem Weg anbieten. Kommt das Busunternehmen dem nicht nach, kann der Fahrgast die Erstattung des Fahrpreises und zusätzlich eine Entschädigung von 50 Prozent verlangen. Aber bei höherer Gewalt steht ihm keine Entschädigung zu, auch nicht, wenn der Bus pünktlich abfährt, unterwegs aber in einen Stau gerät – auch wenn dieser Stunden dauert.

001 - KopieIch döse vor mich hin. Normalerweise, ohne Maid an der Schulter, nutze ich die Fahrzeit – die ja auf solchen Rennstrecken nur unwesentlich länger ist als die der Bahn – zum Lesen. Ich kann gut lesen bei Busfahrten. Viele können das nicht, ihnen wird schlecht bei der Schaukelei. Aber die in Flugzeugen üblichen Spucktüten habe ich noch in keinem Bus entdeckt.

Sind die Busse sicher? fährt es mir durch den Kopf. Die Stiftung Warentest hat den unter-suchten Unternehmen bescheinigt, dass sie sichere Busse einsetzen. Meist stammen diese von beauftragten, über die ganze Republik verstreuten Unternehmen und werden dann in den Markenfarben umgespritzt. ADAC Postbus beschäftigt allein zehn dieser Sub-Unternehmen. Einmal hat ein Fahrer den Mitfahrern und mir erklärt, wieviel beeindruckende Sicherheitstechnik einen modernen Bus vor Unfällen bewahrt.

IMG_0079Bleibt der Faktor Mensch. Ich habe bei keiner einzigen Fahrt bemerkt, dass ein Fahrer ris-kant oder aggressiv fährt – oder gar müde war. Die Ablösefahrer setzten sich für meinen Begriff immer recht rasch ans Steuer, nicht erst nach vielen Stunden.

Die Redaktion der „Tagesthemen“, so erinnere ich mich, war da kürzlich anderer Meinung. Da soll bei Kontrollen am Busbahnhof Hannover die Hälfte der Busfahrer gegen Lenk- und Ruhezeiten verstoßen haben. 60 Stunden pro Woche hinter dem Lenker seien keine Seltenheit. Der Fahrer eines namentlichen genannten großen Linienbusunternehmens gab zu Protokoll, dass bei seiner Firma von den Fahrern „erwartet“ werde, dass sie gegen Lenkzeiten verstoßen. Die Gewerkschaft verdi, so hieß es, verlange stärkere Kontrollen, auch auf der Autobahn.

Der Fahrer meines Flixbusses verkündet gutgelaunt, dass wir jetzt die Hälfte der Strecke hinter uns hätten und auf dem Autohof Münchberg eine Viertelstunde Pause machen dürf-ten. Wir vertreten uns die Beine, einige rauchen, andere kaufen Getränke und Snacks, und an der Toilette bildet sich eine Riesenschlange. Preiswerte Kaltgetränke hat übrigens jeder Fernreisebus an Bord, auch eine Toilette. „Bitte nur auf graden Strecken und nicht in der Stadt benutzen“, rät die Stewardess von BerlinLinienBus, „und es setzen sich bitte auch die Herren hin.“

IMG_0074Stewardess? Ja, auf allen Fahrten über drei Stunden setzt das Unternehmen eine Stewardess ein. Das war schon vor der Liberalisierung so, als lediglich dieser Firmenverbund – an dem die Bahn beteiligt ist – Fernfahrten von und nach Berlin durchführen durfte. Die Servicekraft auf den Bussen macht die Reise zwar ein wenig teurer, ist aber ein gutes Verkaufsargument: Gerade ältere Reisende schätzen die durchaus liebevolle Betreuung – und Eltern, die ihre Kinder allein auf die Reise schicken. Der Bus fährt übrigens nicht weiter, ehe das Kind am Haltepunkt von der Person in Empfang genommen wird, die auf dem Begleitpapier als Abholer vermerkt ist.

Ich habe mal erlebt, dass der Bus bei einem Zwischenhalt in Bayreuth zwanzig Minuten warten musste, bis der Vater des Kindes mit hochrotem Kopf angetrabt kam. Wir waren alle erleichtert.

So etwas wie Trends haben sich in letzter Zeit herausgebildet. Die Zahl der grenzüberschreitenden Verbindungen – zum Beispiel nach Zürich oder nach Wien – nimmt zu. Ländliche Regionen werden jetzt besser bedient als in der Startphase. Die neuen Nachtfahrten werden gebucht. Und Expressbuslinien ohne lästige Zwischenhalte sind gefragt.

München ist in Sicht. Vorsichtig wecke ich meine Begleiterin. Sie würdigt mich keines Blickes. Laptops werden verpackt, Proviant verstaut, SMS-Nachrichten („bin gleich am ZOB“) verschickt. Ein paar Mitfahrer tauschen Adressen. Alle sprechen durcheinander in ihr Handy. Die Stimmung wird hektisch. „Bleiben Sie sitzen bis wir halten!“ ruft der Fahrer. Pünktlich auf die Minute erreicht der Bus den Busbahnhof.

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