Tagebuch: Ministerin auf Abruf [?]

25 10 2014

Samstag, 25. Oktober 2014

Tourismusministerin 1Ein Schicksalstag wartet mit dem morgigen Tag auf Amel Karboul und ganz Tunesien. Es wird das erste freie, demokratische Parlament gewählt. Amel Karboul ist die junge tunesische Tourismusministerin [über die ich hier schon mehrfach berichtet habe]. Sie ist eine imponierende Unternehmerin. Ein Anruf des tunesischen [Übergangs-]Ministerpräsidenten bat sie Anfang des Jahres ins Übergangs-Kabinett. In kürzester Zeit hat sich die Mutter zweier Töchter, die vier Sprachen – darunter Deutsch – spricht, den Respekt der Branche erkämpft. Im Tourismus ihres Landes hat sie schon viel erreicht – und noch viel vor sich.

Die Wahl zur ersten demokratisch gewählten Regierung des Landes könnte aber das Ende ihrer Laufbahn als Ministerin sein.
Auf dem Tourismusgipfel, der kürzlich zum 18. Male in Berlin stattfand, habe ich sie gefragt, ob sie ihre Arbeit in der neuen Regierung fortsetzen könne. Ihre Antwort: Alle Mitglieder der Übergangsregierung haben sich verpflichtet, nicht zu kandidieren. Das sei eine moralische Verpflichtung gewesen. Aber dann schob sie noch ein Aber nach: „Es kann immer geschehen“, orakelte sie, „dass nach dem französischen Prinzip, das es in Deutschland so nicht gibt, Technokraten in die Regierung berufen werden.“ Und eine Technokratin, im besten Sinne, das ist sie.

Nicht, dass Amel Karboul arbeitslos würde, wenn sich das neue Kabinett so gegen Ende des Jahres ohne sie bildete. Sie besitzt einen Master in Maschinenbau, den sie in Karlsruhe erworben hat, und besitzt eine Unternehmensberatung mit Sitz u.a. in London und Köln. Über die geschäftliche Seite der Tunesierin könnte ich noch viel erzählen. Aber noch ist die Ministerin im Amt.

Tourismusministerin 2Sie war angetreten, um das Tourismusgeschäft des Landes anzukurbeln. Das ist ihr gelungen: In diesem Sommer war in Tunesien kein Urlauberbett mehr frei. Aber, so argumentiert Amel Karboul, nur für diese Monate stimme das touristische Produkt. Diversifikation von Angebot und Regionen, Ganzjahrestourismus statt Saisonbindung, das sind die Stichworte zu den aktuellen Aufgaben. Auch die Qualitätsverbesserung auf allen Ebenen hat sich die Ministerin auf ihre Fahnen geschrieben. Aber das ist oft ein finanzielles Problem: Gute Leute müssen gut bezahlt werden. „In der Hotellerie zahlen wir nicht genug“, räumt Amel Karboul ein, „dabei haben wir gute Leute in Hotellerie und Gastronomie.“ Man müsse sich nur mal in Spanien, Italien oder Dubai umschauen: „Überall finden Sie erfolgreiche tunesische Hoteldirektoren und Küchenchefs.“ Außerdem setzt die Ministerin auf den Fleiß ihrer Landsleute: „Erinnern Sie sich: Am Freitag war die Revolution – und am Montag haben wir alle wieder gearbeitet.“

Die Ministerin sieht das Problem, dass die Ökonomie nicht wie die Demokratie gewachsen ist: „Die Wirtschaft stand bisher zu wenig im Mittelpunkt der Diskussion.“ Die Arbeitslosigkeit im Land ist hoch; ein Fünftel der Bevölkerung lebt vom Tourismus. Droht dem Land nicht neues Ungemach durch die politische Lage in Nordafrika? Die schreckliche Enthauptung in Algerien hat dem Tourismus einen Einbruch beschert, aber nicht auf dem deutschen Markt, sondern auf dem französischen. Aber viele potenzielle Urlauber realisieren nicht, wie weit die Unruhezonen von Tunesien entfernt sind. Tunesien ist ein sicheres Land. Es ist über zwölf Jahre her, dass Urlauber in Tunesien zu Schaden kamen.

Amel Karboul und der tunesische Tourismus wollen sich jetzt verstärkt anderen Märkten zuwenden, z.B. in Osteuropa, die in der Sicherheitsfrage, die ja gar keine ist, nicht so empfindlich sind. Kaboul: „Und wir sprechen z.B. asiatische Märkte an, die sich mehr für Kultur als für Strandurlaub interessieren.“

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