Tagebuch: Verflixte Fusion

7 01 2015

Mittwoch, 7. Januar 2015

Nach dem Schwindel erregenden Ausbau des Fernbus-Netzes in Deutschland ist die Nachricht eine Sensation: MeinFernbus und Flixbus, eh schon die beiden größten Anbieter, wollen fusionieren. In einer Pressekonferenz im Berliner Tempodrom wollen die Manager der beiden Unternehmen am Freitag Einzelheiten verraten. Sorgen können wir – Fahrgäste, Konkurrenten, Lizenznehmer – uns schon heute machen.

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Die ersten Statements klingen harmlos. „Wir bündeln unsere Stärken zu einem gemeinsamen Ziel und nehmen jetzt Kurs auf Europa“, sagte laut dpa FlixBus-Gründer Jochen Engert. Und MeinFernbus-Gründer Torben Greve kündigte „dichtere Fahrttakte“ und „mehr Expressverbindungen“ an. In den nächsten Monaten wollen beide Anbieter ihre Streckennetze flächendeckend verbinden.

Seit der Liberalisierung vor zwei Jahren boomt der Fernbusmarkt. Am Berliner ZOB wurden im letzten Jahr über 170.000 Busse abgefertigt, im Jahr davor 100.000. Der Preiskampf paar mörderisch. Zwei Unternehmen blieben schon auf der Strecke, und Post und ADAC, die gemeinsam ein Fernbusunternehmen betrieben, haben sich wieder getrennt. Doch die beiden Marktführer wuchsen und wuchsen. MeinFernbus GmbH beschäftigt am Sitz in Berlin 250 Mitarbeiter, Flixbus in München 230. Von der bevorstehenden Fusion wurden sie heute Vormittag informiert. Ich bezweifle, dass jedermann und jedefrau heute schon überblickt, was die Fusion für den eigenen Arbeitsplatz bedeutet. Zum Stammpersonal kommen mehrere Hundert Fahrer und Disponenten bei den mittelständischen Partner-Unternehmen. Denn beide Unternehmen bewegen keine eigenen Busse, sondern schließen Lizenzverträge mit kleinen und mittelständischen Unternehmen ab, die ihre Busse nach vorgegebenen Standards einsetzen.

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Das Bundeskartellamt könne die geplante Fusion nicht untersagen, schätzen die Manager der beiden fusionsbereiten Unternehmen. Denn verglichen mit Flugzeug, Auto und Bahn deckt der Fernbus nur einen kleinen Teil des Fernverkehrsmarktes ab. Allein die Bahn hatte 2013 in ihren ICE-, IC- und EC-Zügen 131 Millionen Fahrgäste.

Also Friede, Freude, Eierkuchen, wie Christian Wiesenhütter, stellvertretende Hauptgeschäftsführer der IHK Berlin, verlauten lässt? Hier der O-Ton: „Berlin ist schon heute das wichtigste Drehkreuz im Fernbusmarkt. Wir freuen uns, dass durch die Fusion von MeinFernbus und FlixBus auch der neue Branchenprimus aus der Hauptstadt kommt. Der Zusammenschluss wird für mehr Stabilität im hart umkämpften Boommarkt sorgen und den Preiskampf sukzessive in einen Qualitätswettbewerb verwandeln. Der Fernlinienbus wird sich als attraktive Ergänzung zum Bahnangebot weiter etablieren.“

Wie bitte? Mehr Stabilität? Qualitätswettbewerb statt Preiskampf? Da habe ich ganz andere Befürchtungen:

– Weniger Konkurrenz lässt die Ticket-Preise schon bald mächtig steigen. Das ist wirtschaftlich vernünftig, für die Buskunden aber durchaus ein Problem.

– Mehr Verbindungen führen zu noch mehr Engpässen an den Haltestellen. Die etablierten ZOBs platzen aus allen Nähten. Die Städte ohne derartige ZOBs kümmern sich in der Regel keinen Deut darum, wo all die Busse halten sollen. Schlecht schneiden Frankfurt/Main und Köln ab – ganz schlecht mancher Zwischenhalt, wo es oft keine Haltebucht, geschweige denn ein regensicheres Wartehäuschen gibt. Allzu oft muss der Bus verkehrsgefährdend auf der Fahrbahn halten.

– Die Vertragsunternehmen sehen sich einer Marktmacht gegenüber, die im schlimmsten Fall diktiert statt zu verhandeln. Das kann durchaus der von Wiesenhütter gepriesenen Qualität schaden. Mehr zum Thema am Wochenende nach der Pressekonferenz.

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