Tagebuch: Pioniermädchen – Belgrad III

6 04 2015

Montag, 6. April 2015

Tito 4

Was war denn das?! Als wir Presseleute bei Titos Mausoleum vorfuhren, erwarteten uns vier junge, durchaus hübsche Damen. Gekleidet waren sie ein wenig folkloristisch: blaues Käppi, rotes Halstuch, weiße Bluse, blaues Röckchen [kurz, beim Gehen mussten die Damen wegen des Windes den rückwärtigen Saum festhalten – aber das gehört wohl nicht hierhin…], weiße Kniestrümpfe. Das sind Pioniermädchen wie zu Titos Zeiten, wurde uns gesagt. Ach so? Aber zu Titos Zeiten trugen sie nicht noch vier deutsche und serbische Fähnchen herum, mit denen sie uns jetzt regelrecht nervten.
Sei‘s drum. Dem Kollegen die Kamera in die Hand gedrückt und mit den Mädels posiert. Ich kam mir zwar etwas blöde vor, aber was tut man nicht alles für ein mehr oder weniger originelles Foto, das man posten kann. Die Pioniermädchen nervten mit ihren Fähnchen und schoben sich immer wieder ins Bild. Es war richtig schwierig, pioniermädchenfreie Fotos zu ergattern.

Titos Grab

Titos Mausoleum wurde 1975 erbaut, also noch zu Titos Lebzeichen, und zwar als seine Residenz. Tito soll gerne an seinem Schreibtisch gesessen haben, der heute noch hier steht. Die schlichte Struktur des Baus und die botanische Pracht, die ihn ausfüllte und umgab, wird ihm wohl gefallen haben. Hier wollte er auch beerdigt sein, seine Gruft ziert eine einfache Platte. Der Rest des Hauses ist heute ein [Tito-]Museum, Teil des Museums der Geschichte Jugoslawiens. Titos Reisekoffer wird dort gezeigt, seine Uniformen, persönliche Gegenstände wie eine Minikamera und viele, viele Fotos.

Kamera

Die meisten Besucher aus Serbien und den anderen früheren jugoslawischen Teilrepubliken pilgern am 4. Mai zu Titos Grab, an seinem Todestag. Ältere Menschen brechen in Tränen aus, ewig Gestrige vermerken im Besucherbuch „Gestern Tito – heute Tito – morgen Tito“. Zu Titos Lebzeiten war der 25. Mai Nationalfeiertag und zugleich „Tag der Jugend“. In Wahrheit war der Tag nicht der Geburtstag des Marschalls [der war am 7. Mai – wieder Mai!], sondern der Tag, an dem er 1944 mit knapper Not deutschen Fallschirmjägern entkommen war. Einen von ihnen habe ich mal kennen gelernt, er war Kellner in einem Restaurant, in dem meine Familie häufiger sonntags essen ging. „Bis auf ein paar Meter waren wir an ihn rangekommen“, erzählte er, „ich hätte ihn persönlich erschlagen.“

Zum Tag der Jugend fand – auch noch Jahre über Totos Tod hinaus – ein landesweiter Staffellauf statt. Für den Schlussläufer der „Stafette der Jugend“ war es die höchste Ehre, dem Landesvater die Stafette zu überreichen. Die zum Teil kunstvoll verzierten, zum Teil bizarr gestalteten Stafetten zieren eine Wand des Mausoleums.

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Titos Grab und Museum, seine Sitzecke und sein Kino in den Königsschlössern, seine Luxuskarossen im [privaten] Automobilmuseum, historische Fotos des Marshalls im Café YU, die Erinnerungen an Tito sind vielfältig. Und da ist noch der Blaue Zug, Titos Privatzug, der den Präsidenten und seine Entourage zwischen Belgrad und Bar oder zu Auslandsreisen chauffierte. Der Zug kann in Belgrad besichtigt und von Gruppen auch gemietet werden. Konferenzwaggon, Titos Büroabteil, der Waggon mit Küche und Speisesaal – das alles ist vom Zahn der Zeit angenagt, atmet aber Charme und Zeitgeist der 50-er Jahre. Aus Sicherheitsgründen waren übrigens immer drei blaue Züge unterwegs, ein echter und zwei Attrappen.

Millionen von Jugoslawen säumten im Mai 1980 die Fahrstecke zwischen Ljubljana und Belgrad, als Titos Leiche überführt wurde. Tito war im Alter von 87 Jahren mit einer Thrombose ins Krankenhaus der Hauptstadt der Teilrepublik Slowenien eingeliefert worden. Nach einer Beinamputation und monatelanger Krankheit starb Tito am 4. Mai. Auch die Uhrzeit ist überliefert: 15:05.

Die Beerdigung des greisen Marschalls war ein Weltereignis. Vier Könige, 31 Staatspräsidenten, 22 Premier- und 47 Außenminister reisten an. Auch Titos vierte Ehefrau, Jovanca Broz, trauerte am Grab. Sie war – aus welchem Grund auch immer, das ist nie geklärt worden – seit 1977 nicht mehr in der Öffentlichkeit gesehen. Geschweige denn an Titos Seite. Zur Beerdigung wurde sie nur zugelassen, weil Indira Gandhi darauf bestanden hatte.

Jovanca Broz war als Frau an Titos Seite eine weltbekannte First Lady. Bilder, die sie an der Seite Titos und der Großen der Welt zeigten, gingen um die Welt. Als sie Tito heiratete, war dieser schon 60 und Großvater. Der Marschall genoss den Ruf als Schwerenöter. Wer nicht bei drei… Eine seiner Geliebten ist in der Nähe des Weißen [Königs-]Schlosses beerdigt.

Nach Titos Tod fiel Jovanca Broz in Ungnade. Das ist noch gelinde ausgedrückt. Die Behörden nahmen ihr den Pass weg, enteigneten sie, hörten ihre Telefongespräche ab und stellten sie unter Hausarrest. Völlig mittellos wohnte, oder genauer: hauste sie in einer heruntergekommenen Villa, lange Zeit auch ohne Strom und Wasser. Erst 2006 wurde ihr Los gemildert, die Heizung wurde repariert, und 2009 erhielt sie ihren Reisepass zurück. Die einst so glanzvolle First Lady starb 2013 im Alter von 88 Jahren. Sie wurde neben Tito beerdigt.

tito  2

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